Plötzlich kommt der Krieg zu uns

Von: Georg Escher

Lesezeit: 4 Minuten  |  Allgemein, Gesellschaft, Politik international, Über uns  |  5 Kommentar(e)

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Vier Tage vor dem russischen Überfall auf die Ukraine schrieb ich in einem Artikel für die Relevanzreporter: „Wie immer der Konflikt ausgehen wird, auch in der Metropolregion wird man die Auswirkungen spüren. Wir sollten uns interessieren.“ Die Auswirkungen kamen schneller als erwartet und heftiger. Benzin-, Diesel sowie Gaspreise sind in die Höhe geschossen. Auch ich, Georg Escher, Außenpolitik-Redakteur der Relevanzreporter, bin inzwischen viel unmittelbarer betroffen, als ich mir das zunächst vorgestellt hatte.

Allein in den ersten drei Woche seit Ausbruch des Krieges wurden in Deutschland mehr als 200.000 Geflüchtete in Deutschland registriert, in Nürnberg weit über 2000, viele weitere in den umliegenden Kommunen. Meine Frau und ich haben Mitte März 2022 die Familie eines Freundes aus der Ukraine bei uns in Röthenbach an der Pegnitz aufgenommen: Tatyana (46), ihre 12-jährige Tochter und die Großmutter Yuliya (71). Der Krieg ist zu uns gekommen.

Jazzmusiker greift zur Waffe

Gleich am Morgen des Kriegsausbruchs habe ich zahlreiche ukrainische Freunde kontaktiert, etliche in Nürnbergs Partnerstadt Charkiw, andere in Kiew, wo auch mein Freund, ein Jazzschlagzeuger, seit längerem lebte. Er hatte umgehend geantwortet: „Ich werde nicht herumsitzen, weißt du, das ist mein Land und meine Familie.“ Er werde sein Land mit der Waffe verteidigen, schrieb er. Er, der Musiker. Und er fragte an, ob wir „zeitweise“ seine Familie bei uns aufnehmen könnten. Sascha, so heißt der Jazzmusiker, war in den 1990er und 2000er Jahren mehrfach unser Gast gewesen, zusammen mit seiner damaligen Jazzband. Ich hatte sie bei einem Besuch in Charkiv 1995 kennengelernt und wiederholt eingeladen, damit sie Geld verdienen und Kontakte knüpfen könnten.

Wie sollten wir anders reagieren?

Natürlich sagten wir zu, seine Familie bei uns aufzunehmen. Wie sollten wir anders reagieren? Würden wir, wenn wir in einer so existentiellen Gefahr wären, nicht auch hoffen, dass uns jemand im Ausland helfen würde? Wie könnten wir da unsere Türe nicht öffnen?

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Unsere Freunde hatten in Kiew im obersten Geschoss eines sechsstöckigen Wohnhauses gewohnt, das nun nach Panzerbeschuss ausgebrannt und weitgehend zerstört ist. Es würden keine zivilen Ziele angegriffen, versichert der russische Präsident Wladimir Putin immer noch. Welch offenkundige Lüge! Es war kein Waffenlager irgendwelcher rechter Milizen in dem Haus, nur einfache Bewohner.

Gestrandet in Berlin

Es war nicht leicht, das Land zu verlassen und nach Polen zu gelangen. Erst nach mehreren Tagen war dies möglich. Dann, aus Warschau, die Nachricht: Wir sind in Sicherheit! Die Weiterfahrt nach Berlin in einem völlig überfüllten Zug war ein Abenteuer für sich, zumal auch noch eine Katze, an der die Tochter sehr hing, mitgenommen werden musste. Doch der Zug hatte eine stundenlange Verspätung. Für eine Weiterfahrt nach Nürnberg noch am selben Abend war es zu spät. Glücklicherweise waren Freunde in der Hauptstadt auf kurzen Zuruf spontan bereit, „unsere“ neue ukrainische Familie für die Nacht zu beherbergen. Es ist großartig, solche Freunde zu haben.

Die Wohnung der Familie war im obersten, sechsten Geschoss. Durch Panzerbeschuss hatte das Dach Feuer gefangen. Es konnte nicht gelöscht werden. Auch Tatyanas Wohnung brannte völlig aus. (privates Familienfoto)

Tränen nach dem Telefonat

Das neue Miteinander ist bisher gut gelungen, allerdings nicht ohne Herausforderungen. Wenn zum Beispiel Tatyana, die Frau unseres Jazzfreundes, mit ihrem Vater telefoniert, will sie zwar am liebsten verbergen, wie sehr sie das mitnimmt. Doch es ist unübersehbar, dass sie geweint hat. Ihr Vater lebt in einem Vorort östlich von Charkiv, genau dort also, von wo jetzt die russischen Panzer rollen. Während des Telefonats kann man mitunter den Kampflärm hören. Was mag da in einem vorgehen, wenn man nicht weiß, ob man den Vater am nächsten Tag erneut anrufen kann – oder nicht?

Die Behördengänge dagegen waren erstaunlich unbürokratisch. Sowohl bei der Anmeldung in der Kommune, wie auch bei der Ausländerbehörde. Noch beglückender ist die Unterstützung, die einem aus dem Freundeskreis von überall angeboten wird. Der Oma war kurz nach der Ankunft der Bügel der Brille abgefallen. Eine Schraube hatte sich gelöst. „Katastrophe“, war sie bestürzt. Doch ein befreundeter Optiker reparierte die Brille in wenigen Minuten, passte gar das Gestell ein wenig besser an. Unentgeltlich natürlich. Und am nächsten Morgen stand er mit zwei Koffern voller Kleidung vor der Tür für unsere drei neuen Familienmitglieder. 

Hilfsbereitschaft ist enorm

Die Hilfsbereitschaft, die wir erleben, ist enorm. Bei einem sonntäglichen Spaziergang trafen wir ein befreundetes Paar. Auch sie hatten schon überlegt, ob sie jemanden aus der Ukraine aufnehmen könnten. Das traf sich gut. Ich hatte kurz zuvor einen Anruf einer ukrainischen Freundin aus Berlin erhalten. Ihre lebenslange, allerbeste Freundin, war auch mit Tochter und vierjährigem Enkel geflohen und wartete nun im polnischen Katovice auf Nachricht, was sie tun solle. Ich erzählte unseren Freunden von dem Fall, meinte aber, sie sollten das erst mal sacken lassen, bevor sie zusagten. Weniger als eine Stunde später meldeten sie sich: Wir nehmen sie auf! Am Tag darauf war die neue Gastfamilie aus der Ukraine eingetroffen. Die feuchten Augen sagten mehr als alle Worte, wie tief die Dankbarkeit ist.

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Schwieriger Neuanfang

Der Neuanfang hier ist gleichwohl schwierig. Viele der Geflüchteten hatten in der Ukraine gute Berufe. Jetzt sind sie in einem Land angekommen, dessen Sprache sie nicht sprechen, und wo sie von vorne anfangen sollen. Und doch, es tun sich Türen auf. „Unsere“ Tanya (die Kurzform von Tatyana) hat in der Ukraine als Eventmanagerin gearbeitet. Erste Gespräche im Netzwerk lassen hoffen, dass es da eine Chance geben könnte, sich einzubringen. Mal sehen. Natürlich, die Hoffnung ist da, dass der Albtraum möglichst schnell enden möge. Doch wer weiß das schon? Der Krieg in der Ukraine wird auch in der Metropolregion Nürnberg noch lange zu spüren sein.

Hinweis Deiner transparenten Nachrichten-Redaktion: Wenn man von “Flüchtlingen” statt “Geflüchteten” spricht und damit die Verniedlichungsform verwendet, macht man die Menschen klein und stellt sich über sie. Gleiches gilt prinzipiell auch, wenn man Menschen ungefragt oder in offiziellen Texten wie diesem nur beim Vornamen nennt. Wir nennen deshalb grundsätzlich Vor- und Nachnamen unserer Interviewpartner:innen. Dieser Artikel ist eine Ausnahme, wie Dir unser Redakteur Georg Escher erklärt: “Sie sind meine Freunde, ich duze sie sonst auch.”

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Artikel vom: 22. März 2022

5 Kommentare

  1. Bei dem Wort Flüchtling habe ich noch nie an eine verniedlichende Form gedacht. Ich selbst bin ein Flüchtlingskind, meine Eltern sind mit meinerältern Schwester aus der DDR geflüchtet. Das Wort war für mich immer mit Leid, Verfolgung und Angst verbunden. “Geflüchtete” klingt für mich dagegen eher harmloser.

  2. Es stimmt schon, die Begriff Flüchtling ist nicht automatisch verniedlichend und wird von vielen auch nicht abwertend verwendet. Selbst Proasyl hat mit dem Begriff kein Problem (https://www.proasyl.de/hintergrund/sagt-man-jetzt-fluechtlinge-oder-gefluechtete/). Und natürlich gibt es auch positiv besetzte „-ling“-Wörter wie etwa Liebling. Gleichwohl wird die Endung häufiger konnotiert mit Begriffen wie Fiesling, Häftling oder Schreiberling (womit meine Berufsgruppe gerne abgewertet wird). Ich persönlich verwende deswegen den Begriff Geflüchtete lieber. Nicht mehr, nicht weniger.

    • Ich mag nicht, wenn immer nur von Putins Krieg gesprochen wird.
      Es ist Russlands Krieg wenn 70% der Bevölkerung dahinter steht. In der letzten Zeit waren entsprechende Stellungnahmen, auch swetlana Alexijewitsch beschreibt in “auf den Trümmern des Sozialismus ” was viele in Russland denken

  3. Lieber Georg, ich finde Eure Gastfreundschaft beeindruckend und bewundernswert. Wenn man sich vor Augen führt, dass zum Beispiel in Polen derzeit zig-tausende Familien mit dieser Situation konfrontiert sind, wird einem bewusster, wie verheerend sich dieser Krieg auswirkt. Ich möchte hoffen, dass dem Musiker Sascha nichts passiert und dass seine Familie und er in ihrer Heimat neu beginnen können.

  4. Ja, Sascha ist bisher nichts passiert. Er ist nicht im Einsatz an der Kampflinie. Mehr kann ich öffentlich dazu nicht sagen. Wir alle hoffen sehr, dass eine Rückkehr in die Heimat bald möglich sein wird. Noch ist das aber nur Wunsch, nicht Wirklichkeit – und auch noch nicht sehr wahrscheinlich.

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