Wie steht es um das Nürnberger Grundwasser?

Von: Lisa Vogel

Lesezeit: 8 Minuten  |  Allgemein, Umwelt, Zukunft  |  1 Kommentar(e)

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Es wird immer wärmer in der Stadt, Hitzeperioden werden häufiger und Böden sind sehr trocken. Wenn es regnet, dann extrem - Keller laufen voll und die Kanalisation ist am Limit. Wie wirkt sich das auf das Grundwasser in Nürnberg aus? Wird das Wasser knapp? Reporterin Lisa Vogel hat nachgefragt.

Dienstag Nachmittag, Südstadt Nürnberg. Starkregen prasselt auf eine Autoscheibe. Der Scheibenwischer gibt sein Bestes, wird den Wassermassen aber kaum Herr. Die Kanalisation läuft über. Die Nopitschstraße steht unter Wasser – etwa kniehoch. Eine Fahrerin hält die Szene mit ihrem Smartphone fest und stellt das Video ins Netz. Immer wieder kommt es in Nürnberg zu solchen extremen Regenfällen. Gleichzeitig wird es wärmer. Die Böden sind ausgedörrt und können so viel Wasser in so kurzer Zeit kaum aufnehmen. Was bedeutet das für den Grundwasserspiegel der Stadt?

“Das Grundwasser in Nürnberg wird aus vielerlei Quellen gespeist”, weiß Klaus Köppel. Der Leiter des Nürnberger Umweltamtes gibt erst einmal Entwarnung: Es sei unwahrscheinlich, dass unsere Wasserhähne versiegen und das Trinkwasser in unserer Gegend knapp wird. 

9500 Brunnen und Quellen liefern jedes Jahr mehr als 860 Millionen Kubikmeter Grund- und Quellwasser für die Versorgung ganz Bayerns – das entspricht fast der sechsfachen Menge des Brombachsees. Zwei Drittel davon fließen naturbelassen als Trinkwasser aus dem Wasserhahn. Das geht aus dem Grundwasserbericht der Stadt Nürnberg von 2017 hervor.

Nürnberg bekommt eine neue Trinkwasserleitung aus Ranna im Veldensteiner Forst. Dort sprudelt frisches Quellwasser in zwei Gewinnungsgebieten. Insgesamt gewinnt die N‑ergie in Ranna jeden Tag bis zu 45.000 Kubikmeter Trinkwasser. Dank eines natürlichen Gefälles fließt das Wasser von selbst nach Nürnberg – Pumpen sind nicht nötig. Das Foto zeigt eine temporäre überirdische Umleitung für die Bauzeit.
Foto: Thomas Geiger

Eine Modellrechnung zeigt, dass die Stadt nachhaltig mit den Wasserreserven umgeht: Im Jahr entstehen im Stadtgebiet durch Versickerung rund 24 Millionen Kubikmeter neues Grundwasser. Die Trinkwasserversorger, die Landwirtschaft und die Industrie nutzen etwa zwölf Millionen Kubikmeter. Die Bilanz ist also positiv. 

Zugepflasterte Böden senken den Zulauf

Doch Klaus Köppel vom Umweltamt ergänzt: “Die Grundwasser-Neubildung geht zurück.” Ein Grund dafür ist die fortschreitende Versiegelung der Böden im Stadtgebiet. Jeden Tag wird die sogenannte unversiegelte Bodenfläche kleiner: 2019 wurden in Bayern täglich 10,8 Hektar Freiflächen bebaut oder in Verkehrsflächen umgewandelt, berichtet das Bayerische Staatsministerium für Umwelt- und Verbraucherschutz

Dabei ist das Ziel der Bundesregierung aus CDU/CSU und SPD, den täglichen Flächenverbrauch in ganz Deutschland auf maximal 30 Hektar pro Tag, einer Fläche von etwa 42 Fußballfeldern, zu begrenzen. Der Wert liegt (Stand: 18. Juni 2021) allerdings noch bei etwa 56 Hektar – also fast doppelt so hoch.

Das ist schlecht für den Grundwasserspiegel. “In Teilbereichen des Stadtgebietes gibt es Pegelabsenkungen”, sagt Klaus Köppel. Im Durchschnitt ist der Grundwasserspiegel von 2011 bis 2017 um 30 bis 50 Zentimeter gesunken.

Der Wasserkreislauf kurz erklärt

Das gesamte Wasser der Erde befindet sich in einem andauernden Kreislauf. Die Sonne erwärmt das Wasser im Meer oder an Land. Es kondensiert, steigt als Dampf in die Luft auf und bildet Wolken. Wird die Flüssigkeit in der Luft zu schwer, kommt es zu Niederschlägen und das Wasser kommt als Regen oder Schnee zurück zur Erde. Ein Teil davon versickert und bildet neues Grundwasser. Großteils fließt das Grundwasser in die Flüsse und landet letztendlich wieder im Meer.

Außerdem wirkt sich die veränderte Niederschlagssituation auf das Grundwasser aus. Die unterirdischen Wasserspeicher haben weniger Zulauf als früher.

Trockenes Frankenland

Franken gehört zu den trockensten Gebieten in Bayern. Nordbayern hat mit größerer Trockenheit zu kämpfen als zum Beispiel der Alpenraum. “Nürnberg ist nicht wirklich niederschlagsreich”, sagt Gudrun Mühlbacher. Sie leitet das regionale Klimabüro des Deutschen Wetterdienstes in München. 

Es ist trocken in Nürnberg – vor allem im Sommer. Durch die Klimaerwärmung ist mit weiterhin steigenden Durchschnittstemperaturen und Trockenperioden zu rechnen. Die Böden trocknen aus und wenn es dann heftig regnet, können sie das Wasser nicht binden. Das Bild zeigt die Baufläche des neuen Stadtviertels “Lichtenreuth”.
Foto: Thomas Geiger

Eine Wetterstation am Nürnberger Flughafen zeichnet die Niederschlagsmengen und andere Klimadaten auf. In den Jahren 1991 bis 2020 hat sie im Schnitt 605 Millimeter Niederschlag pro Quadratmeter im Jahr gemessen. Zum Vergleich: München kommt auf 959 Millimeter.

Auf und nieder: Der Grundwasserspiegel schwankt

Im Frühjahr sinken die Grundwasserstände natürlicherweise, weil sich die Vegetation das Wasser aus den Bodenschichten zieht, um zu wachsen. Den niedrigsten Stand hat das Grundwasser dann im Oktober. Über das Winterhalbjahr, von Oktober bis März, reichern sich die Vorräte durch Niederschläge wieder an. 

Ist der Winter allerdings sehr trocken, wie etwa 2020/2021, findet dieses Auffüllen nicht statt. Die Konsequenz: Trockenstress bei den Pflanzen. Das wiederum beeinträchtigt zum Beispiel die Bäume im Nürnberger Reichswald in Wachstum und Vitalität. Sie werden anfälliger für Schädlinge.

“Wir haben eher lockere Böden, die den Niederschlag nicht so gut halten können. Für einen gesunden Wald brauchen wir eine kontinuierliche Menge an Niederschlägen”, sagt der Leiter des Umweltamtes Klaus Köppel. Viel Regen in kurzer Zeit, hilft dem Wald kaum.

Starkregen und Hitzeperioden: Wetterextreme nehmen zu

Hinzu kommt: Es wird noch trockener in Nürnberg und Umgebung. “Es gibt eine leichte Tendenz zu einem Rückgang der Niederschlagsmenge”, sagt Wetterexpertin Gudrun Mühlbacher. Auf dem Papier ist die Veränderung nicht gravierend. 

Doch die Realität sieht anders aus: In welchen Abständen und in welcher Form die Niederschläge erfolgen, wird bei den Klimadaten nicht erfasst. “Wir müssen mit einer Verschiebung innerhalb der Jahreszeiten rechnen”, sagt die Expertin. Das könnte bedeuten, dass es im Winter mehr regnet und im Sommer trockener wird – mit Dürreperioden von zehn bis 14 Tagen, so Gudrun Mühlbachers Prognose. 

Und wenn es einmal regnet, dann in großen Mengen. “Bis zu 400 Liter pro Quadratmeter sind bei einem Starkregen möglich – das ist ein Problem für die Landwirte, das Grundwasser und die Trinkwasser-Ressorts.” Denn die großen Wassermenge können – ähnlich, wie wenn Du nicht aus einer Flasche, sondern aus einem Eimer trinken sollst – von den trockenen Böden nicht so schnell aufgenommen werden und damit das Grundwasser nicht speisen. Stattdessen fließt der Regen also in die Kanalisation – diese ist bei solchen extremen Regenfällen am Limit. Nicht selten laufen dann Keller und Unterführungen im Stadtgebiet voll.

Der Nürnberger Umweltausschuss hat deshalb das Thema Starkregen schon länger auf der Agenda. Das Umweltamt hat den Auftrag bekommen, eine Starkregen-Gefahrenkarte zu entwickeln. Sie soll alle Gefahrenstellen im Stadtgebiet aufzeigen. Die Arbeiten dazu starten im Juni 2021.

Wasserreserven im Fränkischen Seenland

Die Gewässer in und um Nürnberg speisen sich übrigens aus den Reservoirs des Fränkischen Seenlandes. Wenn lange Hitzeperioden dazu führen, dass der Brombachsee und seine Nachbarseen zu wenig Wasser führen, springt – durch menschliche Nachhilfe – die Donau ein: Über das Schleusensystem im Main-Donau-Kanal wird das Wasser aufwändig nach Franken “gepumpt”. Es ist also sehr unwahrscheinlich, dass Nürnberg mal ganz auf dem Trockenen sitzt. 

In den besonders heißen Sommern 2003 und 2015 musste allerdings auch diese Versorgung kurzzeitig gekappt werden. Denn auch die Donau hatte damals einen niedrigen Stand, wie der Grundwasserbericht verrät.

Maßnahmen, die den Grundwasserzufluss sichern, sind deshalb ein wichtiger Bestandteil des Konzeptes “Masterplan Freiraum” der Stadt Nürnberg. Grundwasserpegel und Klimaveränderungen gehen Hand in Hand. Deshalb umfasst eine nachhaltige Stadtplanung Maßnahmen, die wie Zahnräder ineinander greifen und gut für das Stadtklima sowie die Wasserversorgung sind.

Wie die “Schwammstadt” helfen soll

Ein Beispiel ist die sogenannte Schwammstadt – dieses abstrakte Wort ist fast eine Art Zauberwort in der nachhaltigen Stadtplanung. Die Bäume im Stadtgebiet leisten zwar wahre Wunder im Kampf gegen die urbane Überhitzung, müssen aber mit widrigen Bedingungen zurechtkommen.

Die Schwammstadt ist ein innovatives Konzept aus China, das die Bedingungen der Stadtbäume verbessert: Es sieht vor, den Bäumen unterhalb der befestigten Oberfläche mehr Raum zu geben. Das ist mit einer Auflockerung des Bodens durch Schotter und Kompost möglich. Der Boden unterhalb des Gehwegs bekommt also die Struktur eines Schwammes: Die luftige Zusammensetzung bietet den Wurzeln genügend Raum, um sich auszubreiten. 

Gleichzeitig sammelt sich in den Hohlräumen Wasser. Der Baum bedient sich aus diesen Vorräten – alles übrige Wasser versickert und wird zu neuem Grundwasser. Dieses System verbessert auf natürliche Weise den Wasserabfluss und verhindert Überflutungen bei Starkregen – zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen.

Die Schwammstadt war auch Thema in der Sitzung vom 16. Juni 2021 des Umweltausschusses des Nürnberger Stadtrates. Die Stadtverwaltung müsse sich für die zukünftigen Herausforderungen des Klimawandels wappnen, waren sich Klaus Köppel und Umweltreferentin Britta Walthelm (Bündnis 90/Die Grünen) einig. Der Ausschuss will vor allem das Thema Wasser in Zukunft stärker in den Vordergrund stellen.

Regenwasser im Kreislauf halten

Bei der Planung des neuen Stadtviertels “Lichtenreuth” unweit des Dutzenteichs ist dies bereits geschehen. Dort haben Stadtplaner:innen und Ingenieur:innen verschiedene Methoden eingeplant, um das Regenwasser im natürlichen Wasserkreislauf zu halten. Regenwasser und Abwasser verlaufen in zwei abgetrennten Systemen.

Grund dafür sind unsichtbare Versickerungseinrichtung im Viertel “Das ganze Areal ist als Schwammstadt geplant”, sagt Klaus Köppel. Das Regenwasser landet in speziellen Mulden und Rohren. Diese sind zum einen selbst versickerungsfähig, zum anderen leiten sie das Regenwasser in ein Gebiet, das als natürliches Auffangbecken fungiert.

Auch der in Lichtenreuth geplante Park hat eine wasserschützende Funktion: Seine Oberflächenbeschaffenheit bildet ebenfalls einen Regenauffang. Der Park ist bei heftigen Schauern die letzte Instanz: Das Wasser kann hier im Notfall einige Zeit stehen und versickert nach und nach. Geht das nicht auch anderswo? Das sei alles eine Frage der Planung: “Sogar ein Parkplatz kann versickerungsfreundlich sein, wenn er entsprechend ausgebaut ist”, sagt der Leiter des Nürnberger Umweltamtes.

Modell des neuen Stadtviertels "Lichtenreuth".
Ein Modell zeigt wie der neue Stadtteil “Lichtenreuth” einmal aussehen soll. Zu sehen ist die Bebauung, aber auch die große Grünfläche. Hier kann das Regenwasser gut versickern und das Grundwasser speisen.

Vision: Unterirdische Wasserspeicher

Im nächsten Schritt geht es darum, das Regenwasser nicht mehr nur versickern zu lassen, sondern auch zu speichern. “Das ginge zum Beispiel mit unterirdischen Zisternen”, sagt Klaus Köppel. Statt einem Parkhaus, das den Untergrund unter einem Park komplett versiegelt, könnte sich unter einem kleinen Teilbereich der Fläche in Zukunft ein Wassertank befinden. Dort könne sich das Regenwasser sammeln und dann in Trockenperioden genutzt werden, um die Grünflächen zu Gießen.

So läuft es übrigens schon im Nürnberger Frankenstadion: Das Regenwasser von Dach und Tartanbahn wird dort seit Jahren gesammelt, in einer großen Zisterne unterhalb des Max-Morlock-Platzes gespeichert und beispielsweise für die Klospülungen oder die Bewässerung der Grünflächen genutzt. 

Aus dem Frankenstadion aber auch bei der Stadt Nürnberg weiß man, “dieser erhebliche Aufwand muss frühzeitig bei der Planung berücksichtigt werden.” Nachrüsten (wie im Stadion) ist schwierig und teuer – aber eben nicht unmöglich. Und es hilft, den sich verändernden klimatischen Bedingungen zu begegnen.

3 Tipps für nachhaltige Wasserwirtschaft zu Hause

Nicht nur die Stadtplaner:innen helfen bei einer nachhaltigen Wasserwirtschaft. Das können auch Privathaushalte tun – mit diesen 3 Tipps:

Regenwasser sammeln, Geld sparen

Die Stadt Nürnberg unterscheidet zwischen Regenwasser und Abwasser. “Wer seine bebaute Fläche weniger stark versiegelt und dadurch zur Versickerung beiträgt oder das Regenwasser sammelt und in den natürlichen Kreislauf zurück bring, zahlt weniger Gebühren”, weiß Klaus Köppel. 

Frischwasser, das nicht im Kanalnetz landet, bringt also bares Geld. Eigenheimbesitzer können sich dazu einen geeichten Gießwasserzähler installieren lassen. Der Frischwasserverbrauch wird einmal jährlich abgelesen oder online gemeldet. Die nachgewiesene Wassermenge wird dann bei der Berechnung der Einleitungsgebühren abgezogen. Außerdem sinkt automatisch der Wasserverbrauch aus der Leitung. Nähere Informationen dazu findest Du auf der Website der Stadt Nürnberg.

Doch auch ohne Zähler ist das Regenwasser nützlich: “Man kann an jede Regenrinne eine Tonne stellen”, empfiehlt Klaus Köppel. Das Regenwasser ist weich und eignet sich gut, um den Garten und vor allem Gemüsebeete zu gießen. Und es ist kostenlos.

Mehr Grün auf die Dächer

“Intensive Dachflächenbegrünung hat eine Pufferwirkung”, weiß Klaus Köppel. Wer also flache Dächer – zum Beispiel das Carport oder die Garage – bepflanzt, sammelt dort automatisch Regenwasser. Die begrünten Dächer speichern das Regenwasser und halten es zurück. Das reduziert die Wassermenge, die bei starken Niederschlägen in die Kanalisation abfließen muss und verhindert dadurch ein Überlaufen.

Wenig Fläche versiegeln

Wer seinen Garten (neu) gestaltet sollte darauf achten, möglichst viele Flächen frei zu lassen. “Und die befestigte Flächen, die man braucht, sollten möglichst offenporig sein”, sagt der Leiter des Umweltamtes.

Große Fugen zwischen Steinfließen, Rasengittersteine oder Rindenmulch anstatt Gummimatten als Unterlage für Schaukeln und Co. erfüllen diesen Zweck. Das Regenwasser kann ungehindert versickern und landet statt in der Kanalisation direkt im Nürnberger Grundwasser.

Artikel vom: 18. Juni 2021

Ein Kommentar

  1. Super interessanter Artikel. Insbesondere die Erklärung der Schwammstadt. Schon seltsam, dass man sich über das Thema Gedanken machen muss. Super Artikel.

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