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Georg Escher

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Wenn Lebensmittel mehr Profit abwerfen als Rohöl

Von: Georg Escher

Nicht nur die Gas- und Benzinpreise sind seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine in die Höhe geschossen. Auch viele der wichtigsten Lebensmittel, vor allem Weizen, haben sich enorm verteuert. Es gibt mehrere Faktoren, die die Preise von Nahrungsmitteln beeinflussen. Doch die Spekulation an den Börsen ist mittlerweile einer der wichtigsten Treiber. Doch wie funktioniert das eigentlich?

An den Börsen lässt sich der Effekt des Krieges in der Ukraine auf die Getreidepreise unzweideutig nachvollziehen. Am Tag vor der russischen Invasion kostete eine Tonne Weizen 287 Euro. Innerhalb kurzer Zeit schoss er dann auf 422 Euro hoch. Klar, an den Börsen spielen nicht aktuelle Daten die entscheidende Rolle, sondern die Erwartung. Dass die Kämpfe in der Ukraine die Ernte dieses wichtigen Anbaulandes empfindlich beeinträchtigen würde, war sicher. Auch die gegen Moskau verhängten Sanktionen haben massive Auswirkungen. Denn mit Russland hat der größte Weizenexporteur der Welt die Nummer fünf in diesem Markt – die Ukraine – überfallen. Auf beide Staaten zusammen entfielen nach unterschiedlichen Angaben zuletzt 24 oder 29 Prozent der weltweiten Getreideexporte.

Schon 2021 kletterten die Preise

Doch der Krieg ist nicht die einzige Einflussgröße. Australien erlebte mehrere Dürrejahre mit geringeren Ernten, auch in den USA kämpfen viele Farmer seit Jahren mit extremer Trockenheit. Allerdings hatte das für die weltweite Produktion keine ernsthaften Folgen. Seit 2017 war die globale Weizenmenge von 2563 Millionen Tonnen bis 2021 auf über 2714 Millionen Tonnen gestiegen. Dennoch war der Preis für die Tonne Weizen von 160 Euro auf 280 Euro gestiegen – eine Verteuerung um mehr als 70 Prozent. Ohne die Spekulation an den Börsen ist das nur schwer zu erklären. Auch bei Gerste, Mais oder Soja sind solche Ausschläge zu beobachten. Wie das „Handelsblatt“ zuletzt berichtete, wirft Mais auf den Finanzmärkten teilweise sogar höhere Renditen ab als Röhol.

Der Index der FAO (Food and Agriculture Organization), der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, zeigt ganz gut die Preisentwicklung seit 1961. Ein erste starker Preisanstieg fällt mit der Ölpreisekrise von 1973 zusammen. Ein erneuter kontinuierlicher Preisanstieg wurde durch die Liberalisierung der Agrarmärkte um das Jahr 2000 herum ausgelöst, dann wieder im Zuge der Weltfinanzkrise 2008. Zu sehen ist aber auch, dass bereits vor dem Beginn des Ukrainekriegs im Februar 2022 die Preise für Agrarprodukte enorm angezogen hatten. Grafik: Obankston, https://www.fao.org/worldfoodsituation/foodpricesindex/en/

„Acht bis zehn mal gehandelt“

Peter Plank, ein bayerischer Bauer aus der Nähe von Ingolstadt, hat vor einigen Wochen in der Wochenzeitung „Freitag“ erklärt, wie diese Spekulation abläuft. „Jede Einheit Weizen wird acht bis zehn mal gehandelt, also gekauft und verkauft, bis sie zum Endverbraucher kommt. Keiner dieser Zwischenhändler hat den Weizen je gesehen oder in der Hand gehabt, das ist wie Wertpapierhandel, an der Börse“, sagte er.

Zustrom der Finanzinvestoren

Das war aber nicht immer so. Der Startschuss für diese Art von Wetten auf Nahrungsmittelpreise wurde Ende der 90er Jahre in den USA gegeben, unter Präsident Bill Clinton. An den Getreidebörsen wurden damals die Zugangsbeschränkungen gelockert. Institutionelle Investoren legten riesige, milliardenschwere Fonds auf, und seither wird auch mit Agrarrohstoffen hemmungslos spekuliert. 2002 wurde an der weltweit wichtigsten Börse für Agrarprodukte, der CBOT (Chicago Board of Trade) in Chicago, die elffache Menge des tatsächlich in den USA angebauten Weizens gehandelt. 2011, ein Jahrzehnt später, produzierten US-Farmer real 60 Millionen Tonnen Weizen. An der Börse gehandelt wurden aber 4400 Millionen Tonnen – das 73-Fache. Das hatte nichts mehr damit zu tun, dass sich Farmer über Geschäfte an der Warenbörse gegen Preisschwankungen absicherten. Es war ein gänzlich anderes Spiel geworden.

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Sarkozy und der Weltbankchef warnten

Selbst der damalige französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy, sonst unverdächtig, ein Anwalt des kleinen Mannes zu sein, wetterte als Gastgeber des G20-Gipfels im November 2011 in Cannes gegen diese Auswüchse an den Finanzmärkten. „Wenn wir dagegen nichts tun, riskieren wir Hungerrevolten in den armen Ländern und schlimme Folgen für die Weltwirtschaft“, warnte er. Die G20-Staaten müssten den Einfluss der Agrarspekulanten durch schärfere Regeln zurückdrängen. Ähnlich sah es der Chef der sonst nicht immer zimperlichen Weltbank, Robert Zoellick. Er mahnte, die explodierenden Preise schafften ein „giftiges Gemisch aus menschlichem Leid und sozialem Aufruhr“.

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Fünf Konzerne teilen sich den Weltmarkt

Geändert hat sich trotzdem nur wenig. Heute teilen sich fünf Agrarkonzerne den Weltmarkt weitgehend unter sich auf. Es sind dies die drei amerikanischen Multis Cargill, Archer Daniels Midland und Bunge, Louis Dreyfus aus den Niederlanden sowie der chinesische Staatskonzern Cofco. Ihre Geschäfte, welche Mengen sie einlagern und wie sie Preise steuern, ist auch für Experten kaum zu durchschauen.

Appelle reichen nicht aus

Die politischen Folgen sind jedoch enorm. Als sich der Weltmarktpreis für Getreide von 2010 bis 2011 beinahe verdoppelte und in der Folge Brot für viele Menschen unerschwinglich teuer wurde, kam es in der Tat in etlichen Staaten zu gewalttätigen Protesten, in arabischen Ländern wie Tunesien, Ägypten, Libyen, Jemen oder Syrien wurden gar politische Unruhen befeuert. In westlichen Staaten, auch in Deutschland, wuchs die Kritik an dem menschenverachtenden „Geschäft mit dem Hunger“. Etliche deutsche Banken, etwa die Commerzbank, stiegen tatsächlich aus der Spekulation mit Agrarprodukten aus, nicht jedoch die Deutsche Bank oder die Allianz Versicherung, die bis heute kräftig mitmischen. Mit Appellen allein lässt sich das offenkundig nicht beenden.

Bildrechte des Beitragsfotos: Combine unloads grain – Wheat harvesting in Eastern Washington near the town of Steptoe – Foto: Charles Knowles, Meridian Idaho, USA unter Lizenz CC BY 2.0 – Das Foto wurde bearbeitet. Es wurde links Weizen dazu gefügt, um ein schmales Querformat zu ermöglichen. Es handelt sich also um eine Montage. Montage: Thomas Geiger

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