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Lilien Wege geb. Zeljko

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Setzen, 6? Schule in der Pandemie und wie es besser gehen könnte

Von: Lilien Wege geb. Zeljko

Lesezeit: 7 Minuten

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"Bitte nie wieder Lockdown!" Das ist die Forderung schlechthin in unserer großen Community-Umfrage zum Thema” Schule im Corona-Herbst 2022 - Eure Sorgen, Ängste und Wünsche”. Diese Bitte sagt so viel darüber aus, welche Kraftanstrengungen es alle Beteiligten gekostet hat, über Monate hinweg das Lernen auf Distanz zu bewerkstelligen. Doch wir blicken nicht nur zurück, sondern auch voraus: Welche Ansätze seht Ihr, um die Pandemie-Versäumnisse nachzuholen?

Eltern, Lehrende, Schüler:innen sämtlicher Schularten und Erziehende waren dazu aufgerufen, sich an der Umfrage zu beteiligen. Rund 25 Antworten haben wir erhalten. Sie alle sind Zeugnis der ersten zwei Jahre der Corona-Pandemie. Und diese hat die sogenannte Schulfamilie ziemlich auf den Kopf gestellt!

Bloß keine Wiederholung

Die größten Sorgen: Die Maskenpflicht könnte zurückkehren (44% der Befragten nannten dies) oder gar Unterricht auf Distanz, sprich: Homeschooling erneut angesagt sein (von ⅔ der Befragten genannt). 

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Damit verbunden sind die Sorgen nach erneuter Überforderung (bei Schüler:innen, Eltern und Lehrenden gleichermaßen) im Alltag bis hin zum Entstehen von langfristigen Defiziten bei den Schüler:innen. Christina (40 Jahre, Mama eines Grundschulkindes aus Schwabach) will gerade bei letzterem die Schuld aber nicht (nur) bei den Schüler:innen sehen: Sie sorgt sich, dass “Corona als Ausrede für schlechte Schulen, schlechte Schüler:innen und allgemein ein schlechtes Niveau in der Schulbildung herhalten” müsse.

Wer verwaltet eigentlich was?

Die Schulen in Nürnberg (und auch anderen Städten) werden nur zum Teil von der Stadt selbst verwaltet werden. Die anderen sind direkt dem Freistaat Bayern unterstellt. So werden die Nürnberger Grund- und Mittelschulen sowie acht von 13 Gymnasien in Nürnberg direkt vom Bayerischen Kultusministerium verwaltet. Dieses ist auch für die Anstellung von Lehrer:innen zuständig. Die Realschulen und die übrigen Schulzweige wie Berufs- oder Förderschulen sowie die weiteren 5 Nürnberger Gymnasien werden direkt von der Kommune verwaltet. Dort stellt die Nürnberger Schulverwaltung also die Lehrer:innen ein.

Um es jetzt noch etwas komplizierter zu machen: Ausstattung wie Luftfilter und Co. stellt den rund 150 Schulen in Nürnberg jedoch nur die Stadt Nürnberg, nicht der Freistaat Bayern.

Von sinnvoll bis Chaos

Und tatsächlich schneidet die Unterstützung seitens der Schulen und auch des Freistaats milde gesagt nur so semi ab: Die Unterstützung seitens der Schulen werden von den Teilnehmenden unserer Umfrage gemischt bewertet. Die Hälfte fand sie gut und berichtet wie Grundschulmama Sarah, 36, aus dem Landkreis Fürth, von “Tests mit allen von digitale Lernplattformen” oder von “Wochenplänen, die die Aufgaben der Woche strukturierten” (Grundschulkind-Mama Lisa, 40, aus Nürnberg). 

Während eine Mutter schilderte, wie Arbeitshefte “sinnvoll und hilfreich” zum Einsatz kamen, tobte offensichtlich bei vielen ein Chaos an Arbeitsblättern. Heimische Drucker der Eltern liefen heiß, Lehrende hatten Mühe, die Blätter von wirklich allen zurückzubekommen. 

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Tatsächlich ist die Hälfte der Antwortenden nicht wirklich zufrieden mit der bisherigen Unterstützung durch die Schulen: “Sie ist weiterhin nicht vorbereitet”, schrieb zum Beispiel der Vater eines Förderschulkindes, die Schule seines Kindes sei fast gar nicht mit Luftfiltern oder Tablets ausgestattet worden. [Anmerkung der Redaktion: Nürnbergs Schulreferentin Cornelia Trinkl (CSU) berichtet auf Nachfrage der Relevanzreporter, dass (Stand: Oktober 2022) inzwischen alle 150 Schulen Nürnbergs Luftfilteranlagen vorweisen könnten.] Der Vater fährt fort: “Diese Schulart hat niemand im Blick, obwohl hier am meisten schief läuft.” Alles laufe weiter wie vorher, berichtet auch ein 42-jähriger Elternteil von Kindern, die die Grund- und Realschule sowie das Gymnasium in Nürnberg besuchen.

Es steht und fällt mit dem Engagement der Lehrenden

Grob zusammengefasst lässt sich sagen: In den ersten zwei Jahren der Pandemie hing es den Umfrage-Teilnehmenden zufolge stark an den einzelnen Lehrenden, wie stark diese sich in den digitalen Unterricht einbrachten, welche Mittel und Wege sie zum Lernen anboten. Es werden Beispiele genannt, wie Lehrende auch trotz eigener Familie Fortbildungsseminare gebucht hatten, um ihren Schüler:innen den Schulstoff digital anbieten zu können. Eine Willens- und Ressourcenfrage letztlich und, so oder so, ein enormer Kraftakt auch für die Lehrenden. 

Marion Haubner steht im Willstätter Gymnasium mit einem Tablet. Schüler:innen rennen schemenhaft durch den Flur. Homeschooling will nicht nur hier keine:r mehr. Foto: Simon Malik

Denn intensive Betreuung der Schüler:innen, steigender Bürokratieaufwand und gleichzeitig die Vorbereitung des digitalen Unterrichts verlangen eigentlich mehr Zeitaufwand und damit mehr Personal – das aber weiterhin an allen Enden fehlt, wie alle Lehrkräfte unisono berichten. Seit Jahren beklagen Schulleiter:innen die Personalnot, die sich gerade bei krankheitsbedingten Ausfällen in der Pandemie nochmal zugespitzt habe. Die Löcher mussten – wie allerorten – mit eh schon überlastetem Personal gestopft werden. 

Technisch abgehängt

Auch die technische Ausstattung an den Schulen hinkt je nach Stadtteil und Engagement hinterher. Die 45-jährige Lehrerin an einem Gymnasium in Erlangen berichtet beispielsweise, dass sie (Stand: Oktober 2022) “seit einigen Monaten nun ein Dienstgerät” besitze. Davor nutzte man eben das eigene Gerät – sofern vorhanden. Mancherorts, so wurde uns geschildert, gab es noch nicht einmal ein funktionierendes WLAN-Netz für das Kollegium, um mit den Schüler:innen online zu kommunizieren. Die Schule des 21. Jahrhunderts, das bayerische Bildungssystem, auf das der Freistaat Bayern so stolz ist, zeigt sich unter dem Stresstest Corona also als technisch abgehängt und schlecht aufgestellt. 

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Bei unserer Umfrage haben wir außerdem erfahren, dass für Lehrer:innen an einigen Gymnasien und Grundschulen “zu Beginn der Lockdown-Monate nur sehr wenige Tablets organisiert wurden”. Es habe auch “eine Weile gedauert, bis genügend Laptops zur Verfügung standen.” Doch hier scheint es, dass die Schulen in der Region je nach Schulart unterschiedlich schnell ausgestattet wurden: Mittelschulen oder Förderschulen wurden „allein gelassen“, so die drastische Aussage zweier Pädagog:innen. Gerade an der Förderschule käme noch hinzu, dass diese Schüler:innen aufgrund ihrer Einschränkungen nicht selbst artikulieren könnten, was fehlt, ebenso hätten viele Eltern mit ihren Kindern wegen mangelnder Unterstützung fast keine Zeit, um sich selbst zu Wort zu melden.

Schule ohne Einschränkungen

Mebis (Abkürzung für Medien, Bildung, Service) ist das Internetportal des bayerischen Kultusministeriums für Lehrer:innen, das seit 2017 an Schulen angeboten wird, um digital mit Schüler:innen zu arbeiten. In der dortigen Mediathek und dem Prüfungsarchiv können sich Schüler:innen auch informieren und Materialien herunterladen, um für Schulaufgaben zu üben. Seit dem ersten Lockdown im März 2020 wurden auch viele Lerneinheiten über diese Plattform angeboten. Doch die technischen Voraussetzungen waren dem Andrang zum Teil nicht gewachsen. Trauriger Höhepunkt: Im Januar 2021 riet der bayerische Kultusminister, Michael Piazolo von den Freien Wählern (FW), den Lehrenden die Schulplattform Mebis zeitversetzt zu benutzen, da die Serverauslastung zu klassischen Schulzeiten zu hoch gewesen sei. 

Seit Ostern 2022 wird schrittweise ein neues Webportal „BayernCloud Schule“ eingeführt. Dort ist auch die Lernplattform Mebis integriert. Das bayerische Kultusministerium hatte versprochen, dass das Portal bis zum Beginn des Schuljahres 2022/23 allen Schulen im Freistaat zur Verfügung steht. Den Aktivierungsprozess müssen die Schulen jedoch eigenständig durchlaufen.

Die Konsequenzen der unzureichenden Technik-Ausstattung dürfen die Lehrenden ausbaden: “Wenn das WLAN oder MS-Teams Aussetzer haben, dadurch die Konferenz mit 30 Fünftklässlern nicht beginnen kann, alle wild im Chat nachfragen, bin ich es, die es lösen muss”, berichtet eine 45-jährige Lehrkraft aus Erlangen und ergänzt: “Und wie erreiche ich dann diejenigen, die eh schon wenig Unterstützung von zuhause aus bekommen?” Da verschleppen sich Probleme, meint auch Pädagogin Anna L., 33, die in Nürnberg in einem Hort arbeitet.

Soziale Auffälligkeiten

Während des Homeschoolings seien Kinder, “die den Hort nicht besucht haben, generell die Verlierenden gewesen: Sprachbarrieren konnten nicht abgebaut werden, sodass sich die Kinder im neuen Schuljahr in höheren Klassen wieder fanden und -finden, ohne jedoch parallel den Deutscherwerb stärken zu können. Was das für die weitere Schullaufbahn und damit auch für die individuelle Entfaltung bedeutet, ist leider offensichtlich.”

Auf die sozialen Defizite verweisen tatsächlich alle befragten Pädagog:innen: Sie berichten von normalen Umgangsformen wie Blickkontakt, Begrüßung oder Selbstregulierung, die noch gar nicht oder wieder verlernt worden seien. Ebenso das Streiten. Gleichzeitig machen immer mehr Verhaltensauffälligkeiten aus, eine zunehmende Medienabhängigkeit und eine “fehlende Rollenentwicklung in unserer Gesellschaft”, wie es Grundschullehrerin Juliana S. (29, aus Nürnberg) nennt. 

Hortbetreuung alles andere als normal

Zu Beginn des ersten Lockdowns von März bis Mai 2020 durften im Hort nur Kinder von Eltern mit systemrelevanten Berufen eine Notbetreuung in Anspruch nehmen. Viele Kinder blieben daraufhin zuhause und mussten nach dem Homeschooling weiter von ihren Eltern betreut werden. Diese Situation wurde im zweiten Lockdown von Dezember 2020 bis Mai 2021 gelockert. Das heißt ab März 2021 durften auch weitere Kinder in die Hortgruppen aufgenommen werden, wenn die Eltern dringend eine Betreuung brauchten und es die Infektionszahlen erlaubten.

Psychische Probleme

Die Gymnasiallehrerin Marion Haubner vom Willstätter Gymnasium spricht mit einem Schüler.Wie wichtig miteinander lernen ist, betonten alle Pädagog:innen in unserer Umfrage. Foto: Simon Malik

Zu den sozialen Problemen kommen psychische: Einsamkeit hatten viele Eltern bei ihren Kindern und auch einige Lehrende (insgesamt 44 Prozent) genannt. Gerade der Verlust der Kontakte sei für die Kinder und Jugendlichen schwer auszuhalten gewesen, berichten sie. Die Mehrfachbelastungen bei den Erwachsenen, das Gefühl, den eigenen Kindern sowie den Schüler:innen nicht mehr gerecht zu werden, führten zu Stress, dieser wiederum zu Dünnhäutigkeit und steigenden Erwartungshaltungen auf beiden Seiten. Ängste und Unsicherheiten halten bis heute aufgrund der allgemeinen weltpolitischen Lage an.

Mit all den Problemen werden Eltern, Lehrkräfte und Schüler:innen alleine gelassen. Um es mit den Worten der Pädagogin Anna L. zu formulieren: “Nicht einmal Applaus gibt es für die Lehr- und Erziehungskräfte in Bayern.”

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Das kann getan werden

Doch, wir wären nicht die Relevanzreporter, wenn wir nicht direkt auch den konstruktiven Part versuchen, zu übernehmen. Deshalb: Was muss getan werden? Eltern und Lehrkräfte liefern einige Anregungen:

Ideen für die Politik:

  • eine funktionierende Lern- und Kommunikationsplattform, die “mehr kann, als nur abstürzen oder unerreichbar sein”, wie es mehrere Lehrende über die Online-Schulplattform Mebis sagen 
  • Erneuter Schul-Lockdown, den keiner will: Dann bitte wenigstens mit regelmäßigem, und damit für Eltern verlässlichen/ planbarem, digitalen Unterricht. Dazu müssen aber auch die technischen Voraussetzungen für Schüler:innen und Lehrer:innen gegeben sein.
  • Konzept, wie Schüler:innen ohne Unterstützung des Elternhauses oder große Lobby (Förderschulen) nicht abgehängt werden
  • Fortbildungen für Lehrende zu Tageszeiten, die nicht mit den Abholzeiten der Kitas und Kindergärten kollidieren
  • Sozialkompetenz als Schulfach wie in Skandinavien
  • klare Kommunikation seitens des Freistaats an die Lehrenden (und damit auch die Eltern und Schüler:innen); Wann gilt wo für wen welche Regelung?
  • besserer Umgang mit Pädagog:innen/ Lehramtsanwärter:innen, damit diese sich nicht wie “Leibeigene des Freistaates” fühlen, weil sie erst “wenige Wochen vor Schulstart erfahren, wo sie diesmal in Bayern ran müssen”
  • Rote-Listen mit datenschutzrechtlich bedenklicher Software gebe es schon. Das Vorbild für eine Liste mit Webseiten und Apps, die datenschutzrechtlich okay sind. Bislang berichten Lehrende, dass sie stets selbst nach passendem, digitalem Material für ihren Unterricht suchen müssten. 

Ideen für unser Miteinander:

  • Stress macht dünnhäutig. Empathie auf beiden Seiten und das Überprüfen der eigenen Erwartungshaltung kann Stressmomente womöglich entzerren. Schließlich wollen Lehrende und Eltern ja eigentlich dasselbe…
  • Eltern wünschen sich, dass Hausaufgaben auch im Homeschooling möglichst ohne Elternhilfe erledigt werden können. Ihre Idee: Die Hausaufgaben sollten in der Schule abgegeben werden können, durch Gruppenarbeiten zu fixen, damit planbaren Zeiten und Themen könnten alle einbezogen werden.
  • alle 14 Tage ein Klassentreffen (zum Beispiel im Freien) als Intensivtag für ein bis zwei Fächer
  • Lernpensum schaffbar halten
  • Kinder, die zuhause beschult werden können, sollten trotzdem die Möglichkeit beziehungsweise die ausdrückliche Empfehlung bekommen, die Notbetreuung zu nutzen, um sozialen Auffälligkeiten vorzubeugen 
  • falls Wechselunterricht nötig sein sollte: Hortbesuch wochen- statt tageweise, um Infektionsgeschehen niedrig zu halten.

Wie geht’s weiter? Dieses Thema hat viele Fragen aufgeworfen. Besonders brisant finden wir jene, was die Pandemie mit den Kindern und Jugendlichen angerichtet hat? Was ist mit jenen, die vielleicht zuhause keine Unterstützung erhalten? Sind sie auf Dauer abgehängt? Dazu folgt ein weiterer Artikel in den kommenden Wochen, denn diese Fragen wollen wir für Dich noch einmal von Expert:innen beantwortet und eingeordnet wissen.

Schreibe uns doch direkt hier in die Kommentare (als Mitglied unserer Community), welche Aspekte wir dabei unbedingt aufgreifen sollten.

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