Plötzlich kommt der Krieg zu uns

Veröffentlicht am 22. März 2022
Zuletzt aktualisiert am: 5. Juni 2024

Vier Tage vor dem russischen Überfall auf die Ukraine schrieb ich in einem Artikel für die Relevanzreporter: „Wie immer der Konflikt ausgehen wird, auch in der Metropolregion wird man die Auswirkungen spüren. Wir sollten uns interessieren.“ Die Auswirkungen kamen schneller als erwartet und heftiger. Benzin-, Diesel sowie Gaspreise sind in die Höhe geschossen. Auch ich, Georg Escher, Außenpolitik-Redakteur der Relevanzreporter, bin inzwischen viel unmittelbarer betroffen, als ich mir das zunächst vorgestellt hatte.

Allein in den ersten drei Woche seit Ausbruch des Krieges wurden in Deutschland mehr als 200.000 Geflüchtete in Deutschland registriert, in Nürnberg weit über 2000, viele weitere in den umliegenden Kommunen. Meine Frau und ich haben Mitte März 2022 die Familie eines Freundes aus der Ukraine bei uns in Röthenbach an der Pegnitz aufgenommen: Tatyana (46), ihre 12-jährige Tochter und die Großmutter Yuliya (71). Der Krieg ist zu uns gekommen.

Jazzmusiker greift zur Waffe

Gleich am Morgen des Kriegsausbruchs habe ich zahlreiche ukrainische Freunde kontaktiert, etliche in Nürnbergs Partnerstadt Charkiw, andere in Kiew, wo auch mein Freund, ein Jazzschlagzeuger, seit längerem lebte. Er hatte umgehend geantwortet: „Ich werde nicht herumsitzen, weißt du, das ist mein Land und meine Familie.“ Er werde sein Land mit der Waffe verteidigen, schrieb er. Er, der Musiker. Und er fragte an, ob wir „zeitweise“ seine Familie bei uns aufnehmen könnten. Sascha, so heißt der Jazzmusiker, war in den 1990er und 2000er Jahren mehrfach unser Gast gewesen, zusammen mit seiner damaligen Jazzband. Ich hatte sie bei einem Besuch in Charkiv 1995 kennengelernt und wiederholt eingeladen, damit sie Geld verdienen und Kontakte knüpfen könnten.

Direkt weiterlesen?
Erstelle Dir jetzt Deinen Zugang!

Hinter Relevanzreporter steht kein Medienkonzern oder Investor. Das gemeinnützige Magazin wird von, für und mit seinen Mitgliedern ermöglicht.

Wir sind unabhängig und werbefrei.

  • Georg Escher
    Autor:in Reporter für Außenpolitik und RR-Ausbildungsbetreuer

Empfohlene Artikel aus dem Schwerpunkt:
Blick nach draußen

  • 1
    Weltkarte der Rangliste der Pressefreiheit 2026 von Reporter ohne Grenzen. Grafik: Reporter ohne Grenzen

    Freie Medien sterben durch Zermürbung

    Gab es in der jüngeren Geschichte je ein Jahr, in dem die Pressefreiheit mehr unter Druck stand? Vermutlich nicht. Freie Medien sterben in Demokratien allerdings nicht mehr an Verboten, werden nicht von Zensur erstickt. Sie sterben daran, dass man sie finanziell stranguliert und gesellschaftlich verächtlich macht – bis sie sich selbst nicht mehr tragen können. Die Bilanz zum Internationen Tag…

    1. Mai 2026
  • 2
    RR-Veranstaltung Mitreden, Georg Escher sitzt am Tisch, in der Bar Ludwigs, Gäste hören zu.

    „Mitreden: Ist Demokratie ein Auslaufmodell?“ – zwischen Zweifel, Kritik und Mut

    Beim Diskussionsabend zur Zukunft der Demokratie sind Sorgen, Analysen und Hoffnungen aufeinandergetroffen. Wie stark treibt Social Media die Demokratiekrise voran und wie lässt sich verlorenes Vertrauen durch Bürgerengagement stärken? Im Gespräch zwischen dem Außenpolitik-Experten und Relevanzreporter Georg Escher und dem Publikum wurde deutlich, dass demokratische Kultur dort entsteht, wo sich Menschen aktiv einmischen und den Raum für Debatte nicht allein…

    6. März 2026
  • 3
    Am 9. April 2003 wurde die mächtige Statue von Machthaber Saddam Hussein in Bagdad gestürzt. Doch mit dem militärischen Sieg war der Kampf längst nicht gewonnen. Im Gegenteil. Foto: Unknown U.S. military or Department of Defense employee

    Diese Aufrüstung ist ein Irrweg

    Es ist passiert. Die Nato-Staaten haben sich Donald Trump unterworfen. Die Allianz ist vorerst gerettet. Trotzdem, diese unfassbare Aufblähung der Militäretats ist ein Irrweg. Gewiss, Russlands brutaler Krieg gegen die Ukraine erfordert eine Reaktion, auch militärisch. Doch ein Blick auf die vergangenen Jahrzehnte zeigt unzweideutig: Die Versuche, solche Konflikte militärisch zu lösen, haben alles nur noch schlimmer gemacht. Zeit für…

    4. Juli 2025

Die neuesten Artikel:

  • 1
    Die größten Investitionen der Stadt Nürnberg im Haushalt 2026 entfallen auf wenige zentrale Aufgabenbereiche. Gleichzeitig muss die Stadt ihre laufenden Ausgaben dauerhaft um rund 80 Millionen Euro senken.

    80 Millionen Euro weniger: Was Nürnbergs Sparkurs bedeutet

    Nürnberg muss in den kommenden Jahren dauerhaft rund 80 Millionen Euro einsparen. Große Bauprojekte wie der Frankenschnellweg oder der Stadionumbau sind davon erstmal nicht betroffen. Gespart werden muss bei den sogenannten konsumtiven Ausgaben – also den laufenden Kosten der Stadt für Personal, Sozialleistungen und den Betrieb ihrer Einrichtungen. Doch welche Bereiche könnten konkret betroffen sein?

    10. Juli 2026
  • 2

    Wie steht es um die Nürnberger Brauereien?

    Nürnberger Bier gehört zur Stadt wie die Rostbratwurst oder das Schäuferla. Aber wie zukunftsfest ist eine Branche, die sich Nürnberg seit Jahrhunderten prägt? Unser Reporter Julian Hörndlein hat sich bei den Brauereien umgehört und erfahren, wie Tradition und Regionalität zum Schlüssel für die Herausforderungen der Gegenwart werden.

    10. Juli 2026
  • 3
    Im Max-Morlock Stadion Nürnberg stimmen sich die Fans mit ihrer Choreo auf das Spiel ein. Hier Schalke 04 zu Gast im blauen Block rechts, Oberrang, Fahnenträger auf dem Spielfeld.

    Nürnbergs neues Stadion nimmt Gestalt an

    50.000 Plätze, eine neue Nordkurve und mehr Platz für Fans: Nürnberg hat erstmals einen konkreten Entwurf für ein neues Max-Morlock-Stadion vorgestellt. Doch am 22. Juli entscheidet der Stadtrat noch nicht über den Bau. Warum das Projekt trotzdem an einem Wendepunkt steht und welche großen Fragen noch offen sind, erklärt Lilien Wege.

    3. Juli 2026

Schreibe einen Kommentar zu "Plötzlich kommt der Krieg zu uns"

Zum Kommentieren musst du angemeldet sein.