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Lea Maria Kiehlmeier

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Thomas Geiger

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So war unser Community Event zu ChatGPT

Von: Lea Maria Kiehlmeier

Die künstliche Intelligenz namens „ChatGPT“ ist seit Januar 2023 in aller Munde. Doch was ist das? Wie funktioniert sie? Wo kann man sie ausprobieren? Und wie viele Chancen und Gefahren stecken darin? Die Relevanzreporter luden bei ihrem ersten Event in 2023 zum Mitmachen und Ausprobieren ein. Was Du verpasst hast, erfährst Du hier.

Mit fast 50 Besuchern stieß der Raum bei unserem Kooperationspartner, der Stadtbibliothek im Bildungscampus Nürnberg, fast an seine Grenzen. Das Oberthema „ChatGPT” war klar, welche Themenschwerpunkte gesetzt wurden, entschied die Community vor Ort. Am Eingang konntest Du mit drei bunten Klebepunkten jene Unterthemen wählen, die Dich am meisten interessieren.

Die Klebepunkte waren gut verteilt. Foto: Thomas Geiger

Wer nicht vor Ort sein konnte oder wollte, hatte die Möglichkeit, das Event über den Live-Stream zu verfolgen – erstmals auf Youtube, da wir ja inzwischen mit Norbert Goldhammer einen ausgebildeten Videoreporter im Team haben. 121 Aufrufe (Stand: 7. März 2023) bewiesen, wie relevant Ihr dieses Thema fandet.

Die Fragen, die Du und alle anderen Mitglieder unserer Community vorab einreichen oder live bei der Veranstaltung stellen konntet, beantwortete der Kommunikationswissenschaftler Professor André Haller von der Fachhochschule Kufstein. Er beschäftigt sich seit Monaten mit diesem Thema und versuchte, es so anschaulich wie möglich zu erklären.

Nie gehört. Ich fühle mich alt. Was ist dieses ChatGPT überhaupt?“ fragt Ursula V.

Professor André Haller: „ChatGPT ist eine Form der künstlichen Intelligenz, die mit einem bestehenden Datensatz trainiert wurde, der bis 2021 reicht. Sie kann nicht selbstständig weitere Dinge lernen, sondern agiert nur auf Basis dieses Datensatzes, der aus Texten aus dem Web stammt. Es ist ChatGPT also möglich, Fragen zu beantworten, Aufgaben zu lösen und auch Programmcodes zu schreiben.“

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Wenn Du ChatGPT vor unserer Veranstaltung noch nicht ausprobiert hast, hatten wir einen Laptop dabei, um das Ganze zu testen. Am Event wurde nicht nur über die Mechanik hinter der KI gesprochen, sondern auch, welche Mechanismen eingesetzt wurden, um sie menschlicher erscheinen zu lassen. Stellt man eine Frage, erscheint die Antwort leicht zeitversetzt. Es wirkt so, als würde ChatGPT wie ein Mensch tippen. André Haller erklärte, dass das durchaus gewollt ist. Die KI könnte nämlich direkt die Antwort auf die Frage ausspucken, aber die Entwickler dahinter haben sich bewusst für die Simulation von menschlichem Verhalten entschieden. 

V.l.n.r.: Prof. André Halle, Moderatorin Lilien Wege und Julian Hörndlein von den Relevanzreportern. Foto: Thomas Geiger

ChatGPT, das übrigens von der US-amerikanischen Firma OpenAI entwickelt wurde, funktioniert also – banal gesagt – wie eine Mischung aus einem Chat und Google. Es kann dafür verwendet werden, Texte zu produzieren oder Aufgaben zu lösen. Besucherin Anett aus Nürnberg wollte von Professor André Haller wissen:
Was sind denn drei Beispiele, bei denen so eine  künstliche Intelligenz (kurz: KI)  richtig hilfreich ist?

Prof. André Haller: „Bei Dingen, die standardisiert sind, kann man das schnell von ChatGPT bearbeiten lassen: Wenn ich eine ungeordnete Tabelle habe, kann ich sie zum Beispiel sortieren lassen. Diese Ergebnisse sollte man natürlich immer nochmal überprüfen. Auch um standardisierte Texte schreiben zu lassen, kann man auf ChatGPT zurückgreifen. Wir haben zum Beispiel zwei Sammelbände zum Thema Digitalisierung von Kommunen und Gemeinden in Arbeit. Bei einem Sammelband haben wir dann ein zweites Vorwort von ChatGPT schreiben lassen. Das haben wir auch kenntlich gemacht. Wir wollten Leuten, die damit noch gar nicht in Berührung gekommen sind, zeigen, was denn schon geht. Es macht Spaß, neue Technologien auszuprobieren und auch deren Grenzen kennenzulernen.“

Dass KI Grenzen hat, konnten wir selbst erleben, als wir ChatGPT nach einem Gedicht über die Relevanzreporter gefragt haben. Wir waren von den netten Zeilen zwar sehr geschmeichelt, aber gereimt haben sie sich nicht. Auch als wir explizit nach einem Versmaß fragten, blieb es äußerst holprig. 

Doch wie erkennt man, ob ein Text aus Menschenhand oder von einem Algorithmus  geschrieben wurde?“ wollte ein männlicher Gast wissen, der verriet,  dass er gerne bei einem Glas Wein mit ChatGPT diskutiert. „Wenn man ein bisschen experimentiert und ChatGPT nach einer Argumentation zu einem Thema fragt, fällt auf, dass die Texte fast alle gleich lauten. Die Argumentationsstruktur mit These, Antithese, Synthese bleibt immer gewahrt. Das heißt jetzt aber nicht, dass das ein immerwährendes, eindeutiges Merkmal ist.“

Der von den Besucher:innen vor Ort am meisten gewählte Themenkomplex, war „ChatGPT und die Bildung“. ChatGPT als Hilfe bei Hausaufgaben und anderen Uni-Arbeiten waren Themen. Community-Mitglied Anett H. brachte eine übergeordnete Frage aufs Tapet: „Welche Kompetenzen brauchen wir, wenn künstliche Intelligenzen immer mehr können? Und wie groß ist die Notwendigkeit, jetzt in Bildung zum kritischen Denken und Hinterfragen zu investieren?

Professor André Haller: „Was mir in den Lehrplänen noch ein bisschen fehlt, ist Wissen im Bereich Digitalisierung. Ich weiß, dass diese vollgepackt sind, aber das könnte man vielleicht auch durch externe Bildungsanbieter lösen. Es geht um Fragen wie „Wie kommt meine Timeline zustande?“ Es muss keiner wissen, wie der Algorithmus funktioniert. Aber man sollte wissen, dass es bestimmte Parameter gibt, die diesen beeinflussen. „Wie funktioniert ein Chatbot? Was gibt es für verschiedene Modelle?“ Man müsste dazu auch gar nicht so in die Tiefe einsteigen, sondern lernend am Objekt erklären, was dieses System kann und was eben nicht.” Denn laut dem Kommunikationswissenschaftler ist das längst kein reines Bildungsthema mehr,  #medienkompetenz: ei standardisierten Nachrichtentexten wie zum Beispiel den Börsenschlussberichten sitzt in den großen Medienhäusern kein Journalist  mehr – vielleicht noch zur abschließenden Prüfung am Ende vor der Veröffentlichung. „Wir sehen diese digitalisierten Phänomene überall – egal, ob im privaten politischen oder beruflichen Kontext. Man sollte in diesem Bereich basale Kenntnisse haben. Man sollte wissen, wie man lesen, schreiben, rechnen kann, wie man Gesetzestexte liest und wie man sich im Internet bei vertrauenswürdigen Quellen schlau machen kann. Digitale Kompetenzen brauchen wir neben dem Grundwissen eben auch.“

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Anon aus der Relevanzreporter-Community wollte den Kommunikationswissenschaftler in die Zukunft blicken sehen: „Wo siehst Du die Nutzung von ChatGPT in fünf Jahren in herkömmlichen Bürojobs des Dienstleistungssektors?

Professor André Haller erläutert, dass ChatGPT ja nur ein Anbieter sei. 2028 könnten solche Systeme für standardisierte Aufgaben im Büro genutzt werden, beispielsweise Tabellenkalkulationen zu machen, aus großen Datensätzen Diagramme zu erstellen oder kurze Texte zu schreiben, die nicht unbedingt größten künstlerischen Anspruch haben. Ein konkretes Beispiel wären Allerwelts-Texte, wie Eintragungen zum Speiseplan im Intranet: Der Koch oder die Köchin tippt dann nur die Daten irgendwo ein und ChatGPT schreibt  den Speiseplan. So hat der Koch oder die Köchin mehr Zeit für das Kerngeschäft, nämlich gute Sachen zuzubereiten.

Also alles, was standardisierbar ist, wird durch solche Systeme nach und nach ersetzt. Das bedeutet aber nicht, dass die Arbeitsplätze gleich mit ersetzt werden! Denn künstliche Intelligenz ist immer noch nicht in der Lage, menschliche Kreativität am Arbeitsplatz walten zu lassen oder empathisch zu sein.  

Eine Frage vor Ort kam von einem Techniker in der Runde: „Wie fundiert und zuverlässig sind die durch ChatGPT geschriebenen Texte überhaupt?“ Weil seine Frage schon derart komplex war, dass die Zuhörenden kaum noch folgen konnten, durfte er persönlich nach vorne kommen, um den an einen riesigen Bildschirm angeschlossenen PC mit Zugang auf die ChatGPT-Webseite zu „füttern“: 

Seine Frage: „Das Atomkraftwerk Gräfenrheinfeld hat in 33 Jahren 330 TWh Strom erzeugt. Wie viele Tonnen radioaktiver Abfall wurden erzeugt, wie viele Castoren gefüllt, wie viele Tonnen CO2 gegenüber einem Braunkohlekraftwerk gespart? Bitte mit Quellenangaben.

Die Quellenangaben lieferte der Bot auch direkt mit. Wenn Du aber nicht explizit nach Quellen fragst, werden Dir auch keine geliefert. Andrè Haller erzählte von Situationen, in denen Quellen erfunden wurden, die es gar nicht gibt. Bei der Nutzung von ChatGPT rät Haller deswegen immer, die Antworten zu prüfen.

Dicht besetzte Reihen in der Nürnberger Stadtbibliothek Foto: Thomas Geiger

Mike wollte wissen, „wie der Einsatz in der Schule oder beim wissenschaftlichen Arbeiten allgemein aussehen kann“. Laut Professor Haller wird das an den Hochschulen aktuell noch diskutiert. Er benutzt das Tool  in seinen Lehrveranstaltungen und diskutiert die Ergebnisse mit seinen Studenten. Er betont, dass Lehrkräfte ChatGPT nicht verteufeln sollten. Er ist davon überzeugt, dass diese Anwendungen nicht verschwinden werden.

Prof. André Haller: „Es geht darum, die Macht oder Ohnmacht des Tools beurteilen zu können. Dadurch entwickeln sich methodische Skills, die Menschen dazu befähigen, im weiteren Verlauf ihres Lebens tatsächlich autonom damit umgehen zu können.“ 

ChatGPT oder andere Systeme werden nicht nur in unserem Bildungswesen zu Veränderungen führen. Ein Themenbereich, zu dem es viele Fragen gab, war ChatGPT und die Gesellschaft. Stefan hat besonders interessiert, „wie die Zukunft in sozialen und politischen Bereichen aussehen könnte“. Professor Haller sieht die Probleme vor allem im Bereich der Desinformation. Sollte eine KI soweit fortgeschritten sein, dass sie eine Art Bewusstsein bekommt, sieht er das als einen großen Moment in der Menschheitsgeschichte. Man könne aber noch nicht wirklich absehen, wie Politik und Gesellschaft darauf reagieren werden.

Vera wollte von unserem Experten wissen, „ob er selbst wohl einmal durch eine KI ersetzt werden wird“. Professor André Haller war aber zuversichtlich. „Meine Tätigkeit ist sehr breit gefächert. Je komplexer eine Aufgabe ist, desto unwahrscheinlicher ist es, dass diese Aufgabe eine KI übernimmt. Wenn ich deswegen richtig Angst hätte, würde ich vielleicht Bewerbungen schreiben.“ 

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