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Georg Escher

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Kann Afrika unsere Energieprobleme lösen?

Von: Georg Escher

Der brutale Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine wirbelt alles durcheinander. Die Energiepreise schießen durch die Decke, Lebensmittel werden für viele unerschwinglich teuer, Europas gesamtes Energiekonzept steht in Frage. Und siehe da: Plötzlich wird auch Afrika wiederentdeckt: als möglicher Lieferant für Gas, Solarstrom und Wasserstoff. Klar wird aber auch: Etliche Probleme hätten sich vermeiden lassen, hätte man vor Jahren klüger und weniger kurzsichtig gehandelt.
So wie das Parabolrinnenkraftwerk in Kramer Junction im US-Bundesstaat Kalifornien könnte der künftige Solarpark in Tunesien aussehen. Foto: Bureau of Land Management (BLM)

Günter Gloser, einst Staatsminister der rot-grünen Koalition unter Bundeskanzler Gerhard Schröder, kann sich noch gut erinnern. Im Dezember 2010 war in Tunesien der Arabische Frühling ausgebrochen. Im Westen war das freudig aufgenommen und es war Hilfe versprochen worden. Von einem neuen Marshallplan war die Rede. Die 2008 gegründete Mittelmeerunion, ein Lieblingsprojekt des französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy, sollte endlich mit Leben gefüllt und auch das 2009 maßgeblich von deutschen Konzernen mitgegründete Solarprojekt Desertec energisch vorangetrieben werden. Doch darüber, wie rasch der Elan wieder zum Erliegen kam, war der SPD-Bundestagsabgeordnete „maßlos enttäuscht“. Plötzlich war weniger von den Chancen einen intensivierten Kooperation die Rede, sondern mehr von Flüchtlingsproblemen und den Gefahren fundamentalistischer Einflüsse.

Strategische Fehlentscheidung

Im Rückblick ist unübersehbar, dass damals Weichen falsch gestellt wurden. Anstatt die Chancen der Solarenergie, aber auch der Gasförderung in Nord- oder Westafrika ernsthaft auszuloten, begab man sich noch stärker in die Abhängigkeit von russischem Gas. Auch die Besetzung der Krim und Teilen des Donbass war für die Bundesregierung unter Kanzlerin Angela Merkel kein Hinderungsgrund. Binnen eines Jahrzehnts wuchs der Anteil des russischen Gases an der Versorgung in Deutschland von 35 auf 55 Prozent. Heute, nach dem von Kremlchef Wladimir Putin befohlenen Überfall auf die Ukraine, zeigt sich das dramatische Ausmaß dieser strategischen Fehlentscheidung.  

Gas aus Nigeria und Algerien

Verzweifelt versucht die seit wenigen Monaten im Amt befindliche Ampelkoaltion in Berlin nun, den Energiemix neu zu mischen und die Lieferungen von Gas, Öl und Kohle aus Russland möglichst rasch zu ersetzen. In dem sonst eher kritisch beäugten Wüstenstaat Katar hat Bundeswirtschaftsminster Robert Habeck (Grüne) kürzlich seine Aufwartung gemacht, um Gaslieferungen einzukaufen. Andere Staaten in Afrika könnten folgen. Bisher sind es nur zwei, die in nennenswertem Umfang Gas nach Europa liefern. Aus Nigeria kommen rund acht Prozent der europäischen Gasimporte, aus Algerien weitere zwei Prozent. „Es hat einen großen, großen Wechsel in der Denkweise gegeben“, stellte kürzlich der Vorstandsvorsitzende der African Energy Chamber, NJ Ayuk, fest. „Das hat es in der Vergangenheit nie gegeben.“ Sowohl aus Berlin wie aus Paris und Brüssel gab es Einladungen.

Pipeline durch Terrorgebiete?

Diese Skizze einer möglichen Infrastruktur für eine nachhaltige Versorgung von Europa, dem Nahen Osten und Nordafrika stammt aus dem Jahr 2011. Foto: DESERTEC Foundation

Ganz besonders aktiv sind die Italiener. Über den Großkonzern Eni hat das Land bereits Abkommen mit mehreren Staaten abgeschlossen, neben Algerien auch mit Angola, der Republik Kongo und Ägypten. Um Exporte in größerem Umfang zu ermöglichen, müsste jedoch zuvor noch massiv in Infrastruktur investiert werden. Eine denkbare Variante wäre die Trans-Saharan Gas Pipeline, die von Nigeria über Niger und Algerien nach Europa führen soll. Doch nicht alle teilen den Optimismus, dass es rasch vorangehen könnte. Schon bei früheren Pipeline-Projekten gab es  große Verzögerungen. Und einige Routen der Gasleitungen würden über „unregiertes Land führen, das geplagt wird durch Banditentum und terroristische Aktivitäten“, warnte etwa Agwu Ojowo von der Beratungsfirma Africa Practice.

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„Sonnenerergie für die gesamte Menschheit“

Dazu kommt, auch mit alternativen Gaslieferanten wird sich das EU-Ziel, bis 2050 die Treibhausemissionen auf Null zu reduzieren, nicht erreichen lassen. Deswegen rücken nun die vor Jahren fast aufgegebenen Solarprojekte in Nordafrika wieder ins Blickfeld. Die Idee stammte ursprünglich aus Deutschland und war vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) sowie dem Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme entwickelt worden. Mastermind war damals der inzwischen verstorbene Physiker Gerhard Knies. Seine Idee: Im Südwesten Tunesiens nahe der algerischen Grenze sollte ein riesiger, zehn mal zehn Kilometer großer Solarpark in die Wüste geklotzt werden. Die Fläche sollte so groß sein wie 14.000 Fußballfelder. „In sechs Stunden geht auf die Wüsten der Erde so viel Sonnenenergie nieder, wie die gesamte Menschheit innerhalb eines Jahres verbraucht“, hatte Knies vorgerechnet. Der damalige Siemens-Vorstandschef Peter Löscher hatte ganz euphorisch vom „Apollo-Projekt des 21. Jahrhunderts“ gesprochen.

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Problematische Partner: die Saudis und China

Doch die Pläne kamen nicht recht vom Fleck. Es gab eine Vielzahl von Gründen, nicht zuletzt aber auch wurde das Projekt von viele Nordafrikanern als „neokolonialistisch“ wahrgenommen. Fünf Jahre nach der Gründung der Desertec Industrial Initiative (DII) wurde die Zentrale in München 2014 dichtgemacht. Doch ganz tot war die Idee nie. Die heute federführenden Länder sind allerdings auch nicht eben unproblematisch: Saudi-Arabien und China. Der saudische Energiekonzern ACWA Power sowie der Netzbetreiber Grid of China stehen heute an der Spitze des Konsortiums, dem mittlerweile wieder mehr als 60 Konzerne angehören, neben Siemens Energy auch ThyssenKrupp, E.on, RWE und Uniper. Der neue Sitz von DII ist in Dubai.

„Neue Wasserstoffweltordnung“

Ob es diesmal was wird? Die Technik von damals hat sich weiterentwickelt, die Produktionskosten dürften günstiger sein. Die Idee von Desertec 3.0“ ist nun, dass mit Solar- und Windparks in küstennahen Standorten Elektrolyse-Anlagen betrieben werden sollen. Sie sollen den Treibstoff der Zukunft produzieren: grünen Wasserstoff, nicht nur für Europa, sondern auch für afrikanische Staaten. Eine Win-Win-Situation: Sowohl der Klimaschutz wie die Unabhängigkeit von Putins Gas ließen sich damit erreichen. „Afrika wird der Dreh- und Angelpunkt der neuen Wasserstoffweltordnung“, lässt sich Marco Alverá, Vorstandsvorsitzender des italienischen Gaskonzerns Snam begeistert in der „WELT“ zitieren. Nochmal sollte die Chance, Afrika und dem Rest der Welt zu helfen, nicht verpasst werden.

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