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„Israel muss die Besatzung beenden“

Von: Georg Escher

Lesezeit: 10 Minuten

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Ein über Jahrzehnte schwelender Konflikt zwischen Israel und Palästina droht endgültig aufzuflammen und noch mehr Leid in die Region zu bringen. Die israelische Regierung waltet mit harter Hand. Sogar die USA und Europa zeigen sich öffentlich besorgt. Und trotz der zunehmenden Gewalt kämpft ein palästinensischer Arzt unbeirrt für den Frieden. Georg Escher hat sich mit Izzeldin Abuelaish unterhalten.

Es ist schwierig, im Konflikt zwischen Israel und Palästina noch Hoffnung zu erkennen. Mitglieder der neuen Regierung des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu sind offen rassistisch. Seit ihrem Amtsantritt gab es Gewalt, Raketenangriffe, Dutzende Tote. Selbst die USA und europäische Regierungen, die sonst zurückhaltend sind mit Kritik an der israelischen Politik, zeigen sich besorgt. Wir sprachen darüber mit dem palästinensischen Arzt Izzeldin Abuelaish, der wiederholt in Nürnberg war und sich einen Namen gemacht hat als unerschütterlicher Vorkämpfer für eine friedliche Lösung.

Herr Abuelaish, haben Sie noch einen Funken Hoffnung angesichts der jüngsten Zuspitzung in der Auseinandersetzung zwischen Israel und Palästina?

Izzeldin Abuelaish
Er wirbt unermüdlich für Frieden und Verständigung: Izzeldin Abuelaish. Foto: Daughters for Life Foundation

Izzeldin Abuelaish: Ich werde nie die Hoffnung verlieren. Ich weiß, dass die Situation immer schlimmer wird, aber die palästinensische Nation lebt noch immer und kann es kaum erwarten, endlich frei zu sein, in Frieden zu leben und unabhängig zu sein. Doch was passiert: das palästinensische Volk leidet. Das Hauptproblem, der Elefant im Raum, ist immer noch die Besatzung. Wie können wir die aktuelle Situation beseitigen, damit sowohl die Palästinenser frei als auch die Israelis frei von den politischen Unruhen in ihrem eigenen Land sein können? Ich möchte, dass die Israelis frei sind. Aber dafür müssen sie diese derzeitige extreme Regierung loswerden und die Besatzung beenden. Niemand kann mit der Besatzung koexistieren. Und wo bleibt die Welt? Es liegt nicht nur in der Verantwortung der Palästinenser, die Besatzung abzuschaffen. Es liegt im Interesse der ganzen Welt. Dennoch setzen wir Hoffnung in die vielen Menschen auf dieser Welt, die für die Freiheit der Palästinenser kämpfen. Es nimmt zu und das wird den Israelis helfen, sich aus ihrem selbstzerstörerischen Modus zu befreien, in dem sie sich befinden. Was tun sie? Es ist nicht nur destruktiv für die Palästinenser, es ist auch schädlich für sie. Die Israelis liegen mir am Herzen. Wir wollen, dass sie diese zerstörerische Katastrophe in ihrem Land beseitigen.

Über die Person: Izzeldin Abuelaish, Jahrgang 1955, ist ein palästinensisch-kanadischer Gynäkologe. Aufgewachsen in ärmlichen Verhältnisse in Gaza, wurde er bekannt als der erste palästinensische Arzt, der je an einem israelischen Krankenhaus arbeiteten durfte. Weltweite Berühmtheit erlangte er aber durch ein dramatisches Ereignis im Gazakrieg von 2008/9. Am 16. Januar 2009 schlugen zwei Granaten in Abuelaishs Haus in Gaza ein. Die erste traf das Schlafzimmer der Kinder und tötete drei seiner Töchter sowie eine Nichte. Weitere Personen wurden verletzt. Trotz dieser grauenvollen Ereignisse schwor sich Abuelaish: „Ich werde nicht hassen“. Er schrieb darüber ein Buch, das diesen Titel trägt. Und er gründete die Stiftung „Daughters for Life“, die Stipendien für Mädchen im gesamten Nahen Osten vergibt. Izzeldin Abuelaish wurde fünfmal für den Friedensnobelpreis nominiert und mit inzwischen 18 Ehrendoktortiteln ausgezeichnet. Er lebt inzwischen mit seiner Familie in Toronto, wo er als Professor an der Dalla Lana School of Public Health lehrt. Auf der ganzen Welt wirbt er mit Vorträgen für Versöhnung.

Sie hatten in Israel immer Freunde und Unterstützer. Wenn Sie mit ihnen sprechen, was sagen sie über den Zustand ihres Landes?

Itamar Ben-Gvir, Vorsitzender der rechtsradikalen Partei Otzma Yehudit, ist seit Dezember 2022 Minister für Nationale Sicherheit im Kabinett von Benjamin Netanjahu. Im Jahr 2007 wurde er wegen rassistischer Aufhetzung und Unterstützung einer terroristischen Vereinigung verurteilt.
Itamar Ben-Gvir, Vorsitzender der rechtsradikalen Partei Otzma Yehudit, ist seit Dezember 2022 Minister für Nationale Sicherheit. Foto: דוד דנברג

Izzeldin Abouelaish: Die Situation in Israel ist eine Schande. Premierminister Netanjahu ist seit 15 Jahren an der Macht. Er hat alle Türen für den Frieden geschlossen, indem er seine vier „Neins“ sagte: nein zu Ostjerusalem als Hauptstadt des palästinensischen Staates, nein zu den Grenzen von 1967, nein zum Recht der Flüchtlinge auf Rückkehr und nein für einen palästinensischen Staat. Und nun hat er die Regierung gebildet mit den extrem rechten Fanatikern Bezalel Smotrich und Itamar Ben-Gvir, der selbst ein Krimineller und Terrorist ist (Ben-Gvir wurde 2007 von einem israelischen Gericht wegen rassistischer Hetze und Unterstützung einer Terrororganisation verurteilt; Anm. d. Red.).

Im Jahr 2021 hatte Netanjahu erklärt, dass Ben-Gvir für einen Posten in seiner Regierung „ungeeignet“ sei. Jetzt ist er eines der zentralen Mitglieder des Kabinetts. Ist das eher ein Zeichen von Stärke oder im Gegenteil ein Zeichen von Schwäche?

Izzeldin Abouelaish: Es ist ein Zeichen der Schwäche fanatischer Führer der Regierung Netanjahu, die nicht an ein Ende der Besatzung und an einen gerechten Frieden auf der Grundlage internationaler Resolutionen glauben. Darunter leiden die Palästinenser. Die Herausforderung besteht in der ständigen Einschüchterung, Demütigung und dem Leiden der Palästinenser. Israelische Angriffe, Tötung unschuldiger Palästinenser, Beschlagnahmung von Land, Hauszerstörung, Verhaftung von Palästinensern, darunter Frauen und Kinder. Wie passt das zusammen? Wie kann jemand, der wegen Unterstützung einer Terroristengruppe verurteilt wurde, der israelischen Regierung beitreten und Minister für nationale Sicherheit werden? Ben-Gvir erklärte wiederholt, dass alle Siedler Waffen tragen sollten. Er selbst lebt in der Siedlung Kirjat Arba in der Nähe von Hebron und trägt eine Waffe, sogar seine eigene Frau trägt eine Waffe. Was geht hier vor sich? Wie kann die Welt das beobachten und nichts tun? Ich höre nicht, dass viel gegen diese Art extremer Regierung vorgegangen wird. Und am Ende, fürchte ich, werden es wieder die Palästinenser sein, die für ihre Reaktion auf die brutalen Aktionen von Ben-Gvir und der aktuellen israelischen Regierung verantwortlich gemacht werden. Es ist Zeit, sie aufzuhalten.

Es gibt Bewegung im juristischen Bereich, die von der breiten Öffentlichkeit offenbar kaum wahrgenommen wird: Anfang 2023 forderte die UN-Generalversammlung in einer Resolution den Internationalen Gerichtshof in Den Haag auf, die israelische Besetzung des Westjordanlands zu untersuchen. In der Resolution geht es nicht in erster Linie um die Siedlungen, die nach internationalem Recht schon lange als illegal gelten. Im Mittelpunkt steht die Frage, dass die militärische Besatzung schon mehr als 55 Jahre andauert und daher nicht mehr als vorübergehend angesehen werden kann. Wie beurteilen Sie das?

Bezalel Smotrich bei einem Treffen mit US-Botschafter David Friedman in der Stadt Sderot, wenige Kilometer entfernt von Gaza. Der 43-Jährige ist Vorsitzender der rechts-religiösen Partei „Der Religiöse Zionismus“. 2017 legte Smotrich einen „Unterwerfungsplan“ vor, der als Ziel ausgab, "jegliche nationale Hoffnung der Palästinenser auszulöschen".
Bezalel Smotrich (li.) bei einem Treffen mit US-Botschafter David Friedman in der Stadt Sderot, wenige Kilometer entfernt von Gaza. Der 43-Jährige ist Vorsitzender der rechts-religiösen Partei „Der Religiöse Zionismus“. 2017 legte Smotrich einen „Unterwerfungsplan“ vor, der als Ziel ausgab, jegliche nationale Hoffnung der Palästinenser auszulöschen”. Foto: U.S. Embassy Tel Aviv

Izzeldin Abuelaish: Ja, das ist eine interessante neue Entwicklung. Ich begrüße es sehr, dass sich der Internationale Gerichtshof endlich mit dieser Angelegenheit befasst. Natürlich versucht Israel, den Begriff „Besatzung“ zu vermeiden und stattdessen andere Begriffe wie „umstrittenes Land“ zu verwenden. Sie sind auf die Unterstützung der Amerikaner und anderer westlicher Länder angewiesen. Dennoch erkennt fast die ganze Welt aufgrund internationaler Resolutionen an, dass es sich um besetztes palästinensisches Gebiet handelt. Möglicherweise erhöht sich dadurch auch der Druck auf die internationale Gemeinschaft, Maßnahmen zu ergreifen.

Har Homa östlich von Jerusalem ist eine der größten israelischen Siedlungen im Westjordanland, und sie wächst immer weiter.
Har Homa östlich von Jerusalem ist eine der größten israelischen Siedlungen im Westjordanland, und sie wächst immer weiter. Foto: Daniel Case

Im vergangenen März warf der kanadische UN-Sonderberichterstatter Michael Lynk Israel in einem Bericht für den UN-Menschenrechtsrat in Genf „Apartheid“ vor. Lynk argumentiert, dass das israelische Besatzungsregime auf rechtlicher Ungleichbehandlung beruhe: Siedler hätten umfassende Rechte, während die Palästinenser dem Militärrecht unterlägen und nicht durch das humanitäre Völkerrecht oder die internationalen Menschenrechtsnormen geschützt seien. Dies ist offenbar ein neues rechtliches Element.

Izzeldin Abuelaish: Ja, es ist an der Zeit für weitere rechtliche Schritte. Derzeit leben etwa 700.000 Siedler in den besetzten Gebieten. Sie beuten die Ressourcen der Palästinenser aus, das Wasser, das Land, alles. Sie haben spezielle Straßen, die Palästinenser nicht benutzen dürfen, und unterschiedliche Gesetze für Siedler und Palästinenser. Das hat Michael Lynk in seinem Bericht dargelegt. Das Westjordanland ist in die drei Gebiete A, B und C unterteilt. Nur das Gebiet A, das etwa 18 Prozent des Territoriums ausmacht, steht unter der militärischen und administrativen Verantwortung der Palästinenser. In der Zone B, etwa 22 Prozent des Landes, ist Israel für die Sicherheit zuständig und die Palästinenser für Verwaltungsangelegenheiten. Gebiet C, 60 Prozent des Westjordanlandes, steht vollständig unter der Kontrolle der Israelis. Ich habe diese Art von Klassifizierung in keinem anderen Teil der Welt gesehen. Es ist Diskriminierung. Dies hat den UN-Berichterstatter Michael Lynk zu der Feststellung veranlasst, dass es sich hierbei um ein Apartheidsystem handelt. Zwei Bevölkerungsgruppen leben dort in unterschiedlichen Systemen und werden aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit und Religion unterschiedlich behandelt. Die einen sind die Siedler, die anderen sind die Eigentümer des Landes.

Die Siedlung Tekoa (südlich von Jerusalem). Wie die umliegenden Siedlungen auch liegt sie auf einem Hügel, während die palästinensischen Dörfer im Tal liegen.
Die Siedlung Tekoa (südlich von Jerusalem). Wie die umliegenden Siedlungen auch liegt sie auf einem Hügel, während die palästinensischen Dörfer im Tal liegen. Foto: Georg Escher

Nun ist es eine Sache, das System juristisch zu bewerten, aber ob es politische Konsequenzen haben wird, ist vielleicht eine andere Sache.

Izzeldin Abuelaish: Als Michael Lynk zu diesem Schluss kam, hat er sich das nicht ausgedacht. Es basiert auf Beweisen, auf Fakten, und das ist es, was er den Vereinten Nationen berichtet. Natürlich sollte dieser Bericht in die Tat umgesetzt werden, um politische Konsequenzen zu haben.

Aber wer sollte das tun? Die Amerikaner werden es wahrscheinlich nicht durchsetzen. Die Europäer halten sich mehr oder weniger heraus, der UN-Sicherheitsrat ist ohnehin blockiert. Wer soll es also umsetzen?

Izzeldin Abuelaish: Deshalb gibt es diese Verzweiflung und den Verlust der Hoffnung. Wir sind frustriert über die internationale Gemeinschaft. Sie ist voreingenommen. Wie können wir Ordnung in dieser Welt schaffen, wie kann man die Menschen auf dieser Welt davon überzeugen, der internationalen Gemeinschaft zu vertrauen? Die europäischen Staaten treten für Menschenrechte, Gerechtigkeit, Demokratie und Freiheit ein. Wenn sie daran glauben, müssen sie es umsetzen. Auch sie stehen unter der Lupe. Diese Doppelmoral ist nicht akzeptabel. Deshalb haben viele Menschen auf dieser Welt das Vertrauen in die internationale Gemeinschaft verloren.

In den letzten Wochen haben wir Raketen gesehen, die von Gaza nach Israel flogen. Und natürlich schlagen die Israelis noch heftiger zurück. Das ist es also, was ein Großteil der Weltöffentlichkeit bemerkt und sagt: Nun ja, Israel hat das Recht, sich zu verteidigen. Wie argumentiert man da?

Izzeldin Abuelaish: Sie erwähnen Raketen aus Gaza, aber was geschah vor den Raketen? Dies ist wichtig zu erwähnen, damit man ein vollständiges Bild hat. Nur wenige Tage nach seinem Amtsantritt als Minister provozierte Ben-Gvir absichtlich mit einem Besuch, einer Art Parade, auf dem Tempelberg. Im Mai wiederholte er dies noch einmal. Im April überfielen israelische Sicherheitskräfte die dortige Al-Aksa-Moschee, den drittheiligsten Ort für Muslime, verletzten 50 Menschen und verhafteten 400. Erwarten Sie, dass die Palästinenser da einfach zusehen? Ist es eine Provokation oder nicht? Es ist eine Provokation. Fordern Sie den Besatzer auf, mit der Unterdrückung der Palästinenser aufzuhören. Auch nach internationalem Recht hat jeder, der unter Besatzung steht, das Recht, dagegen anzukämpfen. Diese Gräueltaten der israelischen Soldaten und Siedler passieren täglich. Überall in den besetzten palästinensischen Gebieten kam es zu Militäraktionen, in Nablus, Dschenin, Ramallah. Häuser wurden abgerissen, Menschen verhaftet oder sogar getötet. Und dann sprechen Sie davon, dass Palästinenser Raketen schicken? Wie viele Palästinenser wurden seit dem Amtsantritt der neuen Netanjahu-Regierung getötet und wie viele Israelis? Ich bin absolut gegen das Töten von irgendjemandem. Dennoch sollten Menschenleben gleich behandelt werden, und wir müssen Leben retten, indem wir die Besatzung beenden. Wir sollten nicht dem Opfer die Schuld geben, sondern dem Täter.

Kürzlich feierte Israel den 75. Jahrestag seiner Gründung. Mehrere westliche Regierungen, auch die deutsche, bekannten sich erneut zur Zwei-Staaten-Lösung. Wenn man sich nun die Siedlungen im Westjordanland ansieht, ist das doch kaum noch eine realistische Perspektive, oder? Machen wir uns da selbst etwas vor?

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Izzeldin Abuelaish: Es ist gut, dass Sie erwähnt haben, dass Israel sein 75-jähriges Bestehen gefeiert hat. Doch die Palästinenser erinnern sich gleichzeitig an die Nakba („Katastrophe“; Anm. d. Red.), die Vertreibung der Palästinenser aus ihrem Heimatland. Derzeit sind noch unzählige Palästinenser im Exil, aber sie haben ihr Recht nicht vergessen. Bei der palästinensischen Frage geht es um Würde, um Freiheit, um Land. Es geht um das Leben, ums Überleben, und dieser Gedanke lebt in den Palästinensern fort. Die Unabhängigkeit Israels basiert auf der Nakba des palästinensischen Volkes, die von wem geschaffen wurde? Es wurde von den westlichen Ländern verursacht. Ausgehend von der Balfour-Erklärung von 1917, in der die britische Regierung die Errichtung einer „nationalen Heimat für das jüdische Volk“ in Palästina versprach. Die westlichen Länder reden immer noch von einer Zwei-Staaten-Lösung, aber was tun sie, um sie machbar zu machen? Sie müssen die israelische Regierung davon abhalten, noch mehr Siedlungen zu bauen. Mit der Ausweitung der Siedlungen macht Israel die Zwei-Staaten-Lösung zunichte.

Doch selbst wenn der Siedlungsbau gestoppt würde, leben bereits 700.000 Siedler im Westjordanland. Es ist unwahrscheinlich, dass diese Siedlungen entfernt werden.

Izzeldin Abuelaish: Wenn es von Anfang an illegal war, wird die Zeit es niemals legalisieren. Es bleibt ein Verstoß gegen das Gesetz. Wenn die westlichen Länder weiterhin an eine Zwei-Staaten-Lösung glauben, müssen sie Israel daran hindern, gegen das Gesetz zu verstoßen und die Siedlungen auszuweiten. Doch haben sie so etwas getan?

Es scheint, dass dieses Problem so schnell nicht gelöst werden kann. Sie waren schon immer daran interessiert, der Jugend auf beiden Seiten des Konflikts zu helfen. In Israel und Palästina erzählen Schulbücher eine ganz unterschiedliche Geschichte, was mich dazu bringt, einen Blick nach Deutschland und Frankreich zu werfen. Diese waren lange Zeit Erzfeinde und führten innerhalb von 70 Jahren drei Kriege. Nach dem Zweiten Weltkrieg dauerte es lange, doch schließlich entwickelten beide Seiten ein gemeinsames Geschichtsbuch, eine gemeinsame Geschichtserzählung für beide Länder. Halten Sie das für möglich in Israel und Palästina?

Izzeldin Abuelaish: Nichts ist unmöglich. Nummer eins, um dies zu erreichen, ist jedoch: Bringen Sie beiden Seiten an einen Tisch, aber auf Augenhöhe. Palästinenser und Israelis sind derzeit nicht in einer gleichen Position. Eine Seite ist besetzt, die andere ist der Besatzer. Sie müssen also zwischen ihnen einen Ausgleich schaffen. Als Deutschland und Frankreich ein gemeinsames Geschichtsbuch entwickelten, waren sie beide freie Länder. Niemand soll seine eigene Geschichte vergessen, aber wir müssen daraus lernen.

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Zurück zur Politik: Wenn eine Zwei-Staaten-Lösung derzeit unwahrscheinlich erscheint, können Sie sich dann eine Ein-Staaten-Lösung vorstellen? Minister Ben-Gvir erklärte, er wolle das Westjordanland annektieren, das wäre gewissermaßen auch eine Ein-Staaten-Lösung.

Izzeldin Abuelaish: Nein, nein, nein. Eine Ein-Staaten-Lösung für wen? Wie sähe es da mit den Rechten der Palästinenser aus? Wenn die Zwei-Staaten-Lösung tot ist, müssen wir uns fragen, wer sie getötet hat. Wissen Sie, wann die Zwei-Staaten-Lösung scheiterte? Es war, als der israelische Premierminister Jitzak Rabin im November 1995 von einem rechten Studenten namens Yigal Amir ermordet wurde, sechs Wochen nachdem er das Oslo-II-Abkommen mit Yassir Arafat unterzeichnet hatte. Nach Rabins Ermordung wurde Netanyahu Premierminister. Er sagte „Nein“ zum Frieden. Er glaubte nicht an Oslo und tötete Oslo. Die Friedenshoffnung wurde mit Rabin begraben. Seitdem schürt Netanyahu den Konflikt.

Das lässt wenig Hoffnung…

Izzeldin Abuelaish: Ich hoffe immer noch ehrlich, dass wir eines Tages Palästinenser und Israelis friedlich Seite an Seite leben sehen werden. Es geht nicht anders. Das sieht man in Europa. Wie war es im Mittelalter oder noch vor dem Ersten und Zweiten Weltkrieg? Frankreich, Großbritannien, Deutschland, ganz Europa war geteilt und kämpfte. Und wie leben sie jetzt? Sie sind in der Europäischen Union vereint. Und uns als Palästinensern und Israelis bleibt keine andere Möglichkeit, wir müssen als gleichberechtigte Menschen zusammenleben, frei, Seite an Seite, ohne unsere Religionen zu politisieren.

Ich möchte dieses Gespräch mit einer persönlichen Bemerkung beenden. Es gibt nicht viele Menschen, die besser über den Frieden zwischen Israel und Palästina sprechen können als Sie angesichts Ihre persönlichen Geschichte. Nachdem drei Ihrer Töchter bei israelischen Raketenangriffen in Gaza getötet wurden, haben Sie eine Stiftung gegründet, die junge Mädchen bei ihrer Ausbildung unterstützt. Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?

Die Förderung junger Frauen ist Izzeldin Abuelaish ein Herzensanliegen. Mit seiner Stiftung „Daughters for Life“ hat er schon vielen von ihnen mit Stipendien Wege eröffnet. Foto: Daughters for Life Foundation

Izzeldin Abuelaish: Meine Stiftung „Daughters for Life“ bringt Menschen zusammen, insbesondere durch die Bildung von Mädchen und jungen Frauen. Ohne jegliche Diskriminierung aufgrund von ethnischer Zugehörigkeit, Religion oder Herkunft. Die Stiftung richtet sich an junge Frauen aus dem gesamten Nahen Osten: Palästinenserinnen, Israelis, Jordanierinnen, Syrerinnen, Libanesinnen, aus Nordafrika. Das ist es, was ich tue, weil ich daran glaube. Wenn Männer es nicht schaffen, schaffen es Frauen vielleicht. Wer führt Krieg? Männer tun es, sie führen Krieg. Geben wir den Frauen die Möglichkeit und die Rolle, sich für Gerechtigkeit, Freiheit, Gesundheit und Gleichheit für alle einzusetzen. Frauen sind diejenigen, die Leben geben, die Leben fördern. Man kann in der Geschichte nicht fünf Frauen nennen, die Krieg führten.

Margaret Thatcher zum Beispiel …

Izzeldin Abuelaish: Ja, aber Sie werden keine fünf aufzählen können. Deshalb bin ich zuversichtlich: Selbst wenn Frauen es nicht schaffen sollten, werden sie es niemals noch schlimmer machen, als es jetzt ist. Wir müssen es versuchen. Frauen stellen für Männer keine Bedrohung dar. Die Aufgabe der Frauen besteht darin, eine stabile, nachhaltige, gesunde, friedliche, sichere, freie und gerechte Welt zu schaffen. Es ist an der Zeit, Frauen diese Rolle, diese Chance zu geben. Wenn wir alle zusammenkommen und einander als gleichwertig und mit Respekt betrachten, können wir die Welt zu einer freieren Welt machen, ohne Vorurteile, ohne Doppelmoral, ohne Grundlage von ethnischer Zugehörigkeit, Religion, Hautfarbe oder irgendetwas anderem. Am Ende sind wir alle Menschen. Wir alle wurden aus Adam und Eva erschaffen, und wozu wurden wir zu Nationen und Stämmen? Um uns gegenseitig kennenzulernen, zusammenzuleben, zu teilen, in Harmonie miteinander zu sein. Frauen haben das Potenzial, aber sie brauchen die Gelegenheit und sie brauchen die Mittel. Und das Mittel ist Bildung. Deshalb müssen wir Frauen die Bildung, die Stärke, die Macht geben, weil sie das Potenzial haben, und wir müssen ihnen dann die Möglichkeit und die Rolle geben, um einen positiven Unterschied zu machen.

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