Einordnung in wilden Zeiten: Die RR-Fragerunde zum Krieg in der Ukraine

Von: Stefanie Hattel

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Es ist Krieg in Europa. Die Nachrichten behandeln neben der Ukraine gefühlt kaum etwas anderes. Wir Relevanzreporter wollten Euren Sorgen und Ängsten mit einer offenen Fragerunde begegnen. Hier der Rückblick auf die erste Vor-Ort-Veranstaltung der Relevanzreporter im Künstlerhaus samt Antworten auf viele Eurer Fragen.

Hilfe, Einordnung und Information auf die Fragen, Sorgen und Ängste der Menschen in der Metropolregion – das war das Ziel. Binnen 72 Stunden hat die Redaktion mit ihrem Kooperationspartner, dem städtischen Künstlerhaus im Kunst-Kultur-Quartier eine Offene Fragerunde organisiert, bei der Ihr mit Euren vor Ort oder über die beiden Livestreams gestellten Fragen die Themen vorgabt. Auf dem Podium: vielseitige Experten, die Zuschauer später als “hochkarätig” und “super informativ” lobten.

Viktoriya Levynska vom Verein “Ukrainer in Franken”. Foto: Simon Malik

Viele Menschen können die Situation sowie die Gründe und Folgen nur schwer einschätzen. Eine, die die Situation in der Ukraine sehr gut kennt, laut eigenen Aussagen seit Tagen nicht geschlafen habe und dennoch zu uns aufs Podium kam: Viktoriya Levynska vom Verein “Ukrainer in Franken”. Sie stammt aus der Westukraine, lebt seit einigen Jahren in Nürnberg und ist gerade so etwas wie das Gesicht des ukrainischen Widerstands in der Metropolregion Nürnberg: Unermüdlich schildert sie auf Kundgebungen, bei Diskussionen und in den Medien die Lage in der Ukraine. Während sie auf dem Podium der Relevanzreporter saß, harrte ihre Mutter mal wieder in einem ukrainischen Keller aus.

Sie hat in Erlangen studiert, spricht vier Sprachen, verfolgt die russischen sowie ukrainischen Medien parallel und hört genau hin, wenn der russische Präsident Wladimir Putin sich übers Fernsehen an sein Volk wendet. „Hören Sie auf den Rat der Ukrainer“, appelliert sie auf dem Podium der Relevanzreporter, „die haben ein intuitives Gespür dafür, was in Putin vorgeht.“ Sie redet den Zuhörer:innen der Offenen Fragerunde im Künstlerhaus auch ins Gewissen: „Wir haben euch seit der Maidan-Revolution 2014 immer wieder gewarnt, ihr habt nicht hingehört!“

Wie kann man helfen?

Die Nürnberger:innen konnten Fragen über den Instagram-Livestream, per Whatsapp-Nachricht ans Redaktionshandy sowie vor Ort stellen. Auf eine der ersten Fragen, was man von Nürnberg aus tun könne, antwortet sie prompt und sehr bestimmt: „Wir brauchen keine Kleiderspenden oder Spielzeug. Benötigt werden Schutzwesten, Helme, Verbandsmaterial, Medikamente – und Geld.“ Denn nur damit könne man schnell und flexibel auf neuen Bedarf reagieren. Gerade schnelle und unbürokratische Hilfe sei derzeit (Stand: 02. März 2022) entscheidend, so die Ukrainerin. Durch eine Spende habe sie beispielsweise vor wenigen Tagen ganze Baumarktbestände an Feuerlöschern aufgekauft.

Als Gesellschaft keine kategorischen Feindschaften aufbauen

Bei allem Organisatorischem behält sie auch das Schicksal der Gegenseite im Blick: Über eine russischen Kampftruppe, die in Nürnbergs Partnerstadt Charkiw festgesetzt worden war, sagte sie: „Das sind 18- und 19-Jährige.“ Die seien mit der Situation ebenfalls überfordert, hilflos und den Tränen nahe. „Wir haben da eine Generation vor uns, die wir neu erziehen müssen“, sagte sie und spielte damit auf die politische Indoktrinierung durch Wladimir Putin an. Auch Philipp Demling, Relevanzreporter-Redakteur, der einst Slawistik an der Uni Bamberg studiert hatte und Freunde in der Ukraine sowie Russland hat, mahnt, miteinander im Gespräch zu bleiben und keine kategorische Russenfeindlichkeit entstehen zu lassen.

War der Angriff vorhersehbar?

Auf die Frage, wie vorhersehbar Russlands Überfall auf die Ukraine war, antwortete Georg Escher. Er ist jahrzehntelanger Außenpolitik-Redakteur, erst bei den Nürnberger Nachrichten, inzwischen bei den Relevanzreportern Nürnberg, und saß als Antwortgeber sowie Mitorganisator dieser Offenen Fragerunde mit auf dem Podium: „Auch ich habe diese Entwicklung in diesem Ausmaß nicht kommen sehen“, sagte er. Jedoch meint er nun, bereits Anzeichen des Anfangs vom Ende Waldimir Putins erkennen zu können.

Hat die Ukraine eine Chance?

Wie es mit der Ukraine weitergeht, war eine Frage, die Podiums-Gast Prof. Johannes Grotzky, ehemaliger ARD-Korrespondent in Moskau und nun Honorarprofessor für Osteuropa-Wissenschaften an der Uni Bamberg, annahm: Trotz des aktuell stockenden Vormarschs attestierte er der russischen Armee rein aufgrund ihrer Größe die Fähigkeit, die Ukraine einzunehmen – mit hohen Verlusten.

Wer stoppt den russischen Machthaber?

Viele Fragen kamen direkt aus dem Publikum. Foto: Simon Malik

Der reine Straßenprotest, der nun – trotz tausender Verhaftungen – überall in Russland aufflamme, werde laut dem ARD-Korrespondenten nicht zum Sturz führen. „Laut aktuellen Umfragen unterstützen zwar nicht einmal die Hälfte der Russen den Krieg. Das bedeutet aber ja noch nicht, dass dieser Teil eine aktive Opposition ist“, erklärt der ehemalige Moskau-Korrespondent. Er meinte auf die Frage, wer Putin stoppen könne: Der entscheidende Impuls könne nur vom inneren Zirkel ausgehen. Auch Georg Escher kann sich ein Wackeln von Putins Herrschaft lediglich durch eine exorbitante Kostenexplosion des Kriegs samt Sanktionen vorstellen. Das werde aber nicht morgen oder übermorgen passieren.

Gibt es einen diplomatischen Ausweg?

Ein Besucher vor Ort fragte die Experten, ob sie derzeit diplomatische Auswege sehen. Relevanzreporter-Redakteur Georg Escher hat derzeit (Stand: 04. März 2022) wenig Hoffnung: Denn die von Russlands Präsidenten oft angeführte diffuse Bedrohung aus der Ukraine wäre ja eigentlich etwas, worüber man hätte sprechen können – der Nato-Russland-Rat sei exakt für solche Fälle eingerichtet worden, so Georg Escher: „Da dieser aber nicht konsultiert wurde, sondern direkt der Einmarsch erfolgte, ist der Gesprächsbedarf bei Putin aktuell wohl nicht sehr hoch.“

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Welches Land als nächstes?

Will Russland wirklich nur mehr Sicherheit und fühlt sich bedroht, durch den immer weiter in sein Einflussgebiet vordringenden Westen? Der ehemalige ARD-Korrespondent schätzt es als wahrscheinlicher ein, dass der russische Präsident ein eurasisches Reich aufbauen möchte, wie es etwa der faschistoide Vordenker Alexander Dugin propagiert. Dazu gehören dessen Ansicht nach alle russisch-sprachigen Gebiete: Neben den bereits faktisch unter Kontrolle gebrachten georgischen Regionen Südossetien und Abchasien sowie Donbass und die Krim beträfe das auch das Baltikum und Nordkasachstan. „Dort haben die Menschen ebenfalls Angst, das sieht hierzulande aber aktuell noch niemand“, so Johannes Grotzky.

Mit einer schnellen Eroberung der Ukraine wolle Wladimir Putin die Grundlage für seine ‚russische Welt‘ schaffen und dann von der Grenze aus die Nato im Baltikum mit Nadelstichen ärgern. Die dort lebenden russischen Minderheiten könnten dann – ähnlich wie im Donbass und auf der Krim – Putin um Hilfe bitten. In Lettland sind diese weniger gut integriert als in Estland, an Litauen grenzt zudem die russische Enklave Kaliningrad. Schwelender Zündstoff liegt im Baltikum also genügend bereit, daher wären hier sehr nah an der Nato wohl schnell Verbündete zu aktivieren.

Was ist mit den angeblichen Versprechungen des Westens?

Die Argumentation Putins hinsichtlich der vermeintlichen Versprechungen des Westens, die Nato nicht nach Osten zu erweitern, sieht Johannes Grotzky als reinen Vorwand: Denn Putin selbst habe mit dem Einmarsch zwei Verträge gebrochen: Im Budapester Memorandum wurde 1994 festgelegt, dass die Ukraine, Belarus und Kasachstan unversehrt bleiben, wenn sie ihre Atomwaffen abgeben. Außerdem sicherte man im Nato-Russland-Rat allen ehemaligen Sowjetrepubliken die Bündnisfreiheit zu. Putin legt also selbst fest, welche Vereinbarungen gültig sind und welche nicht.

Künftig mehr Einigkeit in Europa?

Ebenfalls verhalten äußern sich Relevanzreporter-Redakeur Georg Escher, der in unserem wöchentlichen Newsletter in der Rubrik “Blick nach draußen” außenpolitisches Geschehen für Euch einordnet sowie der ehemalige ARD-Korrespondent Johannes Grotzky zur Frage von Moderatorin Lilien Wege (Redaktionsleiterin und Podcasterin der Relevanzreporter): Ob der Krieg in der Ukraine nun wenigstens mehr Einigkeit in Europa brächte? „Nur weil es einen gemeinsamen Gegner gibt, sind alte Probleme nicht verschwunden“, sagt Johannes Grotzky. Neben den fragwürdigen Auffassungen von Rechtsstaatlichkeit in Polen und Ungarn verweist er auch auf den EU-Beitrittskandidat Serbien, wo auf den Titelseiten der Boulevardmedien die USA für den Krieg verantwortlich gemacht würden. Außerdem seien Länder wie Ungarn von Wladimir Putin vereinnahmt, daher erlaube Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán, lediglich EU-Hilfsgüter durch sein Land in die Ukraine zu transportieren, aber keine Waffen.

Zurück nach Nürnberg: Wie lange halten unsere Energievorräte?

Nach diversen Online-Events der Relevanzreporter: Endlich auch mal vor Ort mit Euch als Publikum (wenn auch Pandemie-bedingt weiterhin eher großzügig besetzt). Foto: Simon Malik

Geht uns irgendwann das Licht aus, sollte Putin den Gashahn abdrehen? Diese uns genannte Sorge konnte unser Podiumsgast Rainer Kleedörfer, Prokurist des regionalen Energieversorgers N-Ergie, entkräften. „Aktuell haben wir keine Energieknappheit“, sagte er, „aktuell sind die Gasspeicher zu 30 Prozent gefüllt. Das reicht für drei bis vier Wochen, also gut über den Winter.“ Allerdings sei es an der Bundesregierung, nun schnell zu klären, wie man die Speicher bis September auf 80 Prozent plus X füllen wolle, sollte die Gasversorgung aus Russland in der Zwischenzeit gekappt werden. Sollte es tatsächlich zu Engpässen kommen, greife ein Krisenplan, von dem die privaten Haushalte aber ausgenommen seien: „Nirgends wird die Heizung ausgehen“, beruhigte Rainer Kleedörfer.

Die regionalen Energieversorger stellte er dabei als wesentliche Akteure für Energiesicherheit dar: „Die Metropolregion Nürnberg ist ein Hotspot der Energiewende in Bayern“, sagte er. In Franken sei der Betrieb von Photovoltaik- und Windkraftanlagen weit verbreitet, falle aber in Richtung Baden-Württemberg und Südbayern stark ab. Einen wesentlichen Anteil daran haben laut Rainer Kleedörfer kommunal und bürgerschaftlich organisierte Anlagen.

Wie groß ist die Gefahr?

Die Frage aus dem Publikum hinsichtlich der Drohungen Putins mit Atomwaffen – und einem möglichen aktiven Eingreifen der Nato – sieht Osteuropa-Experte Johannes Grotzky als das „bedrückendste, was man fragen kann.“ Denn Putin wolle die Grenzen des alten Zarenreichs zurück, “das mit dem Europa heute nichts mehr gemeinsam hat”. Die Angst also bleibt. Und der Krieg nicht einmal zwei Flugstunden von Berlin entfernt, nimmt uns nicht nur aufgrund der räumlichen Nähe mehr mit, als andere Konflikte in jüngster Zeit, so das Podium: Durch die internationale Vernetzung über Social Media nehmen wir an diesem Krieg und dem Schicksal der Beteiligten mit einer Intensität und Nähe teil, als passiere es vor unserer eigenen Haustür.

Wie umgehen mit der Angst?

Starke Emotionalisierung und Identifikation können auch ins Negative umschlagen und diffuse Panik bewirken. Die Relevanzreporter-Redakteurin und ausgebildete psychologische Beraterin Stephanie Siebert riet deshalb auf die Frage aus dem “digitalen Publikum”: „Kein Doomscrolling“ zu betreiben, sich also eben nicht an den Bildschirmen von einer Schreckensnachricht zur nächsten scrollen. Sensiblen Personen riet sie deshalb, den Medienkonsum zu drosseln und sich nur ein- bis zweimal am Tag in seriösen Quellen auf den neuesten Stand zu bringen. Auf Kinderfragen solle man kindgerecht antworten, sie aber auf keinen Fall Fotos oder Fernsehbilder sehen lassen.

Oft würde man ihr darauf entgegnen: Ich kann mich den Geschehnissen doch nicht einfach entziehen. Ihre klare Antwort: „Doch. Den Betroffenen bringt es nichts, wenn wir hierzulande in Panik verfallen, im Gegenteil.“ Ihr zweiter Rat lautete deshalb „ins Tun zu kommen: Spenden Sie, schließen Sie sich Hilfsorganisationen an – werden Sie aktiv, das hält die Angst in Schach.“

Und Stephanie Sieberts dritter Rat: „Singen hilft ebenfalls gegen Angst. Es ist kein Zufall, dass wir, wenn wir in den dunklen Keller gehen, zu singen anfangen. Denn dabei wird die Amygdala abgeschaltet, also der Teil des Gehirns, der unter anderem für Angst zuständig ist.“ Die in Franken lebende Ukrainerin Viktoriya Levynska stimmt dem zu: „Was tun die Ukrainer gegen die Angst vor dem Krieg, während sie im U-Bahnschacht ausharren? Sie singen und teilen es via Facebook. “ Auch, um dort verängstigte oder schreiende Kinder zu beruhigen. Durch das Teilen solcher Videos entsteht eine Art Kettenbrief/ Online-Bewegung. Man könne, so Viktoriya Levynska, Kontakt zu Menschen herstellen, denen es gerade ähnlich geht und das Gefühl schaffen: Du bist mit deinem Gefühl nicht allein.

Mitarbeiter:innen rausholen

Neben Viktoriya Levynska hätte übrigens auch der Regionen-Manager Klaus Kessler von der Nürnberger Steuerkanzlei Rödl & Partner sitzen sollen, um über die wirtschaftlichen Verflechtungen der Region nach Osteuropa zu sprechen und so einen noch stärkreren Nürnberg-Bezug zu schaffen. Er hatte vor Jahren unter anderem die Depandance von Rödl & Partner mit inzwischen rund 20 Mitarbeitenden dort aufgebaut und für unsere Veranstaltung sogar Termine verschoben. Doch die kurzfristige Hilfe für seine Mitarbeiter:innen und deren Angehörige, sie aus dem Krisenland in Sicherheit zu bringen, ist drängender und geht selbstverständlich vor.

Mitarbeiter dieses Beitrags: Stefanie Hattel, Tobias Meyer, Alexandra Haderlein

Eigentlich ist hier ein Video eingebettet, manche Browser ermöglichen das leider nicht. Sollte es nicht angezeigt werden könnt Ihr es direkt bei youtube ansehen: https://www.youtube.com/watch?v=uSnMKnFwCKw

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Artikel vom: 4. März 2022

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