Kreative Energiekonzepte für Nürnbergs Kulturhäuser

Von: Norbert Goldhammer

Lesezeit: 6 Minuten  |  Gesellschaft, Kultur, Politik lokal, Umwelt, Wirtschaft  |  0 Kommentar(e)

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Nürnbergs Kultureinrichtungen trotzen der Energiekrise und entwickeln, typisch für die Szene, zum Teil sehr spannende alternative Ideen. Weg vom fossilen Brennstoff, hin zur Sonnenenergie, ein eigenes Wasserkraftwerk oder eben viele kleine Energiesparmaßnahmen, das sind nur ein paar Beispiele. Wie das ganze finanziert werden soll und welchen Herausforderungen sich die Kultureinrichtungen noch stellen müssen, schreibt unser Redakteur Norbert Goldhammer.

Im Winter 2022/2023 schauen nicht nur Privathaushalte mit bangem Blick auf die nächste Rechnung vom Energieversorger. Neben der Privatwirtschaft kämpfen beispielsweise auch Krankenhäuser, Pflege- und Bildungseinrichtungen oder Sportvereine mit gestiegenen Energiekosten. Auch die Kultur muss sich wärmer anziehen und braucht innovative Konzepte um den Betrieb für ihr Klientel aufrecht erhalten zu können.

Denn das Geld für die Kino- oder Theaterkarte sitzt bei vielen Bürgerinnen und Bürgern nicht mehr so locker wie noch vor 2022. Für viele Menschen ist Kultur ein Luxusgut, das sie sich nicht mehr leisten können. Auf der Prioritätenliste stehen andere Ausgaben zur Existenzsicherung weiter oben. Das Amt für Kultur und Freizeit (KUF) in Nürnberg hat daher den “Winter der Solidarität” ausgerufen. Es lädt alle Interessierten dazu ein, an Kultur teilzuhaben und Veranstaltungen oder Konzerte zu besuchen. Die Angebote sind oft kostenlos und sollen den Zusammenhalt in der Stadtgesellschaft stärken, Benachteiligten die Möglichkeit zur Teilhabe geben und den Menschen dabei helfen die Herausforderungen dieses Winters zu bewältigen. So wurde beispielsweise zusammen mit dem Umweltreferat, sowie dem Amt für Existenzsicherung und soziale Integration der Stadt Nürnberg die Energieberatung „Clever durch den Winter” ins Leben gerufen.

Das Heizhaus ist ein selbstverwaltetes und gemeinnütziges Projekt des Quellkollektiv e.V. im Herzen der Nürnberger Westvorstadt. Foto: Michael Grebner

Soziokultur-Projekt stand vor dem Aus

Den Bürgerinnen und Bürgern Kunst und Kultur weiterhin möglich zu machen, ist die eine Sache. Möglichst clever müssen aber auch die Kultureinrichtungen und Institutionen selbst durch Krisen kommen. Das Soziokultur-Projekt Heizhaus auf dem ehemaligen Quelle-Areal im Stadtteil Eberhardshof zum Beispiel war sich Ende 2022 nicht mehr sicher ob es diesen Winter übersteht. Durch die rapide gestiegenen Energiekosten mussten die 80 Mieter kurzfristig eine Mieterhöhung um satte 50 Prozent hinnehmen. “Zur Not hätten wir das Haus für zwei Monate komplett dicht gemacht. Das wäre unsere Exitstrategie gewesen”, erinnert sich Veranstaltungsleiterin Wally Geyermann an die Zeit, in der nicht klar war, wie die Kostenexplosion gestemmt werden könnte. Die erste Maßnahme war ein Briefing der Heizhaus-Mieter: Türen geschlossen halten, Licht aus, wenn man den Raum verlässt, Heizkörper runter drehen. Jetzt hängen überall entsprechende Hinweisschilder. Geyermann ist sich sicher: “Hier springt keiner mehr mit T-Shirt rum.” Die Leute sind sensibilisiert.

Die Heizung im Keller ist über 20 Jahre nicht gewartet worden und soll durch eine effizientere Anlage ausgetauscht werden. Foto: Michael Grebner

Als nächstes kam eine Bestandsaufnahme. Schnell wurde für Michael Grebner vom Heizhaus-Verein klar, wo die Defizite liegen: “Die Thermostate an den Heizungen sind veraltet. Türen, Fenster und Wände fehlt eine ordentliche Dämmung, die Glühbirnen verbrauchen zu viel Strom.” Hinzu kommt der Denkmalschutz, der Sanierungsarbeiten zusätzlich erschwert. Der größte Brocken jedoch steht im Keller des Hauses. Der überdimensionierte Heizkessel ist ein Relikt aus vergangener Zeit. Er heizte die Werkstätten der Quelle, als diese noch als Warenhaus bestand. Die Anlage wurde seit 20 Jahren nicht mehr gewartet und hat die besten Tage lange hinter sich.

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Community spendet und rettet das Heizhaus

Grebner schätzt die Kosten für die dringendsten Modernisierungsarbeiten auf 15.000 Euro. Er ruft am 1. Dezember 2022 auf start next das Crowdfunding “Save Heizhaus!” ins Leben und bittet die Community um Spenden. Im Film, den Grebner für das Crowdfunding schneidet, kommen die Heizhausmieter zu Wort und erklären, wo die Probleme liegen und was dringend saniert werden muss. Der Start verläuft schleppend, nimmt dann aber Fahrt auf. Vier Tage vor dem Ende der Campagne, dem 31. Januar, sind mehr als 17.800 Euro eingegangen. Mit diesem Geld kann das Heizhaus nun energetisch nachhaltiger werden. Für eine modernere Heizanlage und Photovoltaik auf dem Dach reicht der bisher erzielte Betrag noch nicht.

Die Heizhausmieter möchten den Kopf aber nicht in den Sand stecken. Michael Grebner gibt sich auch bei alternativen Finanzierungsmöglichkeiten kreativ: „Die Photovoltaik-Anlage könnte über eine Genossenschaft finanziert werden. Die Anlage wird dann nicht gekauft sondern gemietet. Wir würden uns in die Genossenschaft einkaufen.“ Auch das Thema Fördergelder wurde im Haus diskutiert. Die Staatsregierung will Kulturbetrieben in Bayern mit rund 50 Millionen Euro unter die Arme greifen. Der Härtefallfond soll helfen, die explodierenden Energiekosten abzufedern. Wally Gayermann ist jedoch mit Fördermitteln vorsichtig geworden: „Es gibt hier noch zu viele Probleme bei der Rückzahlung der Coronahilfe-Gelder.“

Das Staatstheater Nürnberg ist gut aufgestellt

„Weil wir während Corona gut gehaushaltet haben, sind wir am Staatstheater Nürnberg trotz der gestiegenen Kosten noch in einer recht komfortablen Situation“, teilt der Intendant Jens-Daniel Herzog auf Anfrage mit. Das Staatstheater hat in den vergangenen Jahren bereits in energieeffiziente Bühnen-, Licht- und Anlagentechnik investiert. So konnte der Stromverbrauch laut Herzog zwischen 2017 und 2021 um jährlich 400.000 Kilowattstunden reduziert werden. Für den Intendanten steht fest: „Solange wir finanziell dazu in der Lage sind, werden wir hier auch weiter investieren“.

Das Theater kann den Stromverbrauch in Echtzeit messen und so Einsparpotenziale erkennen und reagieren, wenn der Verbrauch in die Höhe geht. Natürlich werden auch die 650 Mitarbeiter angehalten während der Arbeit Energie zu sparen. Beim Staatstheater stellt sich bei allen Investitionen auch immer die Frage der Nachhaltigkeit, da 2025 die Sanierung des Opernhauses ansteht und den Umzug ins Interim notwendig macht.

Allein im Opernhaus müssen rund 1000 Funktions-, Proben-, Büro- und Bühnenräume mit Energie versorgt werden. Foto: Norbert Goldhammer

Für die kleineren Häuser liegen die Probleme nicht bei der Energie

Natürlich muss auch die freie Theaterszene gut wirtschaften, um über die Runden zu kommen. Aber für die meisten Häuser in Nürnberg liegen die Probleme nicht bei den gestiegenen Energiekosten. Für das Theater Rote Bühne in der Vorderen Cramergasse stellt sich viel mehr die Frage, wie man auf Grund der geringen Förderung durch die Stadt und den Bezirk, den Wegfall der Coronahilfen und gesunkenen Zuschauerzahlen das künstlerische Personal weiterhin angemessen bezahlen kann. Die Künstlerische Leitung des Theaters, Julia Kempken, fragt sich „ob es für unser Haus künftig überhaupt noch möglich sein wird, neue Inszenierungen durchzuführen.“

Etwas zuversichtlicher blickt die Leitung beim Theater Salz und Pfeffer, Wally Schmidt, in die Zukunft: „Wir haben schon in der hellen Jahreszeit an die dunkle gedacht und das Haus im Sommer 2022 mit LED Beleuchtung ausgestattet.“ Nachhaltigkeit steht für das gemeinwohlzertifizierte Theater an oberster Stelle. Ab 22 Uhr ist die Außenbeleuchtung am Frauentorgraben aus. Aktuell herrschen in den Räumlichkeiten 19 Grad Maximaltemperatur, auch im Zuschauerraum des Theaters. Das Theater Salz und Pfeffer verzeichnete 2022 trotzdem einen Zuschauerrekord und hat die 10.000er Marke geknackt.

Auch das Theater Pfütze bleibt optimistisch und hat schon viele Maßnahmen zur Energieeinsparung umsetzten können. Jakob Jokisch, Geschäftsführer und Teil der Theaterleitung bei Pfütze, sieht sich aber ebenso mit ganz anderen Herausforderungen konfrontiert: Die Inflation würde die Materialkosten in die Höhe treiben, die Tariferhöhungen (die für ihn ausdrücklich gerechtfertigt sind) würden bei den Personalkosten zu Buche schlagen und dann wären da noch die globalen Krisen, die den Theaterbetrieb zusätzlich belasten. Positiv stimmen aber auch ihn die Zuschauerzahlen. Es gebe laut Jokisch einen Trend, der belegt, dass die Menschen nach Corona-Lockdown wieder verstärkt in die Theater kommen, und das trotz der finanziell angespannten Situation für viele Privathaushalte. „Das ist eine schöne Entwicklung, Menschen brauchen in der Krise das Theater“, ist Jokischs optimistisches Resümee.

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Cinecitta will bis 2024 bei der Energieversorgung klimaneutral werden

Ende März 2023 geht die Photovoltaikanlage auf dem Dach des Cinecitta in Betrieb. Foto: Simon Malik

Vor 10 Jahren hat Wolfram Weber schon an die Zukunft gedacht und in seinem Kinokomplex Cinecitta ein Blockheizkraftwerk einbauen lassen.
Dabei handelt es sich um ein optimiertes Heizsystem, bei dem neben Wärme auch noch Strom erzeugt wird. Eine Art hocheffizientes Mini-Kraftwerk, das vom Keller aus das gesamte Haus mit Energie versorgt. Ungefähr 2 Millionen Kilowattstunden Strom verbraucht das Kino pro Jahr. Wolfram Weber kann diesen Bedarf mit dem Blockheizkraftwerk zu einem großen Teil selbst produzieren und die entstandene Abwärme zusätzlich zum Heizen nutzen. Ein Blockheizkraftwerk verbraucht aber fossile Energie in Form von Öl oder Gas. Für Wolfram Weber ist das unbefriedigend: “Wir wollten schon lange von fossilen Brennstoffen weg. Das war immer unser Traum!“. Daher hat er im Sommer 2022 die Wasserkraft für sich entdeckt. Die Wehre an der Pegnitz könnten ihm die grüne Energie liefern, die er für seinen Vision der Klimaneutralität braucht.

Weber hat untersuchen lassen, ob das Katharinenwehr direkt am Cinecitta in Frage kommen könnte. Die Fallhöhe des Wassers ist dort aber zu gering. Der Stromertrag würde für den Kinokomplex nicht ausreichen. Eine weitaus größere Fallhöhe hat das Wehr am Nägeleinsplatz. Sein Plan: Er möchte die Pegnitz ausleiten und eine unterirdische Turbine dort einbauen, wo jetzt gerade der Platz umgestaltet wird. Möglich wären durch das entstehende Flußkraftwerk knapp über 1 Million Kilowattstunden pro Jahr. „Wenn es nach uns geht, könnten wir in ein paar Monaten loslegen, so dass wir Ende 2023 fertig sind,“ gibt sich Weber optimistisch. Bisher gibt es aber nur eine Entwurfsplanung. Die kam beim Wasserwirtschaftsamt jedoch schon mal gut an.

Das Wehr am Nägeleinsplatz hat die richtige Fallhöhe für das geplante Flußkraftwerk, das die Energie für das Kino liefern könnte. Foto: Simon Malik

Wenn zusätzlich im März 2023 die geplante Photovoltaikanlage auf dem Dach anfängt Strom zu produzieren, geplant sind dort bis 400.000 Kilowattstunden pro Jahr, ist Weber nicht mehr weit entfernt von seinem Ziel 2024 mit seinem Kinokomplex klimaneutral zu werden. Gefragt nach den Erfolgsaussichten seines Vorhabens hat Weber eine klare Haltung: „Ich bin ein gnadenloser Optimist!“

Würde ein Flußkraftwerk den neugestalteten Nägeleinsplatz verschandeln oder ist das eine coole, innovative Sache? Wo steht in eurer ToDo-Liste ein Theater- oder Kinobesuch? Welche Crowdfunding Campagne habt Ihr schon finanziell unterstützt? Schreibt uns dazu gerne Eure Meinung in den Kommentaren.

Artikel vom: 26. Januar 2023

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