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Georg Escher

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„Die Mullah-Regierung ist nicht reformierbar“

Von: Georg Escher

Lesezeit: 10 Minuten

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Der Iran ist in einem Aufruhr wie seit Jahren nicht mehr. Seit dem offenbar durch Polizeigewalt herbeigeführte Tod der 22-jährigen Kurdin Jina Mahsa Amini in Teheran am 16. September hat das Regime die Proteste nicht beenden können. Auch in Nürnberg leben zahlreiche Iraner und Iranerinnen, die die Vorgänge in ihrer Heimat genau verfolgen und mit Freunden und Familie in engem Austausch stehen. Wir haben mit drei von ihnen gesprochen: Maede Soltani, Tochter des jahrelang inhaftierten Rechtsanwalts und Bürgerrechtlers Abdollfattah Soltani, dem 2009 der Nürnberger Menschenrechtspreis zuerkannt wurde, sowie Parvin Nazemi und Farshid Ahey, die nach der Islamischen Revolution im Iran in Haft saßen und Mitte der 80er Jahre nach Nürnberg kamen.

Die beim Interview Beteiligten duzen sich, weil sie privat befreundet sind.

Auch 2009, nach den mutmaßlichen Manipulationen bei der Wiederwahl von Präsident Ahmadinedschad, gab es Massenproteste im Iran. Diese sogenannte Grüne Bewegung wurde letztlich aber blutig niedergeschlagen. Warum sollte dies diesmal anders sein?

Parvin Nazemi und Farshid Ahey (re.)
Besorgt, aber auch hoffnungsvoll über die Lage im Iran: Parvin Nazemi (62) und Farshid Ahey (65, re.) waren schon in jungen Jahren im Iran politisch aktiv, beide hatten sich linken Gruppierungen angeschlossen und gegen den Schah protestiert. Nach der islamischen Revolution im Jahr 1979 mussten beide, die auch inhaftiert wurden, ihr Land verlassen – er im März 1984, sie knapp eineinhalb Jahre später. Foto: Georg Escher

Farshid Ahey: 2009 waren die gestohlen Wahlen Anlass der Proteste. In den Hochrechnungen hieß es immer wieder, dass der Oppositionskandidat und frühere Premierminister Mir Hossein Mussawi vorne liege. Am Ende aber wurde doch Amtsinhaber Mahmud Ahmadineschād mit über 62 Prozent der Stimmen als Sieger verkündet. Das hat die Proteste ausgelöst. Die Parole war: „Ich will meine Stimme zurück.“ Die Forderung war damals nicht: „Wir wollen dieses Regime nicht.“ Es ging nur darum, das Wahlergebnis korrekt wiederherzustellen. Heute ist die meistverwendete Forderung die nach dem Sturz des Regimes. Das ist der große Unterschied. Es geht nicht um Reformen, die Menschen wollen ein neues System, ohne die Mullahs.

Haben die Proteste diesmal also mehr Wucht und mehr Aussicht auf Erfolg als 2009?

Farshid Ahey: Diesmal zieht sich der Protest quer durch das ganze Land. Damals gab es Demonstrationen nur in Teheran und zwei, drei anderen Städten, darunter Isfahan. Jetzt hat der Protest das ganze Land erfasst, es sind rund 140 Städte und Provinzen. Fast alle Universitäten sind in der Protestbewegung. Zentrum der Demonstrationen sind Kurdistan (im Westen des Iran) und (die südöstliche Provinz) Sistan und Belutschistan.

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2009 haben aber mehr Leute demonstriert als heute. Auf dem Höhepunkt der Proteste waren selbst nach offiziellen Angaben der Teheraner Stadtverwaltung allein in der Hauptstadt drei Millionen Menschen auf der Straße. Trotzdem scheiterte der Protest.

Farshid Ahey: Das ist richtig. Die Menschen haben aber gelernt, dass sie sich nicht so zahlreich in einem Ort versammeln sollen, weil die Sicherheitskräfte sie so leichter einkesseln können.

Ständig in Kontakt mit ihren Eltern in Teheran: Maede Soltani, Tochter des Nürnberger Menschenrechtspreiseträgers von 2009, Abdolfattah Soltani, der nach jahrelanger Haft inzwischen wieder freigelassen wurde. Die heute 42-Jährige hat in Braunschweig Industriedesign studiert und lebt seit 2011 in Nürnberg. Foto: privat

Maede Soltani: Auch ich sehe es so: Die zentrale Forderung heute ist die nach einem Regime Change. Dazu kommt aber, dass die Proteste heute nicht auf Geschlecht oder Schichten beschränkt sind. Es sind alle dabei. Bei den Demonstrationen von 2009 haben sich vor allem Leute aus der gesellschaftlichen Elite beteiligt, Arbeiter oder die ärmeren Schichten waren kaum dabei. Damals war die zentrale Forderung: „Ich will meine Stimme zurück“. Heute weiß man, dass man im Iran durch Wahlen nichts verändern kann. Diese Regierung ist nicht reformierbar.

Nach dem Tod von Jina Mahsa Amini haben vor allem Frauen den Protest getragen. Erst etwas später haben sich die Männer angeschlossen. Was bedeutet das für das Land?

Parvin Nazemi: Die Parolen von heute zeigen: Es geht um das ganze System. Okay, die Frauen haben dreifach Belastungen. Da sind die Kleidungsvorschrift mit Tschador und Hidschab. Wenn sie sich scheiden lassen wollen, gehört das Kind dem Mann. Selbst wenn der Mann nicht da ist, bekommt dessen Familie das Sorgerecht. Wenn sie aus dem Land ausreisen wollen, muss der Mann dem Passantrag zustimmen. Es ist eine Männergesellschaft. Aber die Männer haben genauso Probleme. Auch sie wollen Freiheit haben und ihr Leben führen können. Sie wollen studieren und Meinungsfreiheit haben. Deswegen richtet sich der Protest insgesamt gegen das islamische Regime.

Gewaltsame Zusammenstöße auf dem Keshavrz-Boulevard in Teheran im September 2022
Zusammenstöße auf dem Keshavrz-Boulevard in Teheran im September 2022: Nach dem Tod der 22-jährigen Jina Mahsa Amini protestierten zunächst vor allem Frauen, den denen viele öffentlich auch demonstrativ kein Kopftuch mehr trugen. Inzwischen geht der Protest quer durch alle Gruppen der Bevölkerung. Foto: Darafsh

Maede Soltani: Die Frauenfrage gehört zur ideologischen Grundlage dieses Systems. Die Regierung wollte bei den Frauenrechten niemals einen Kompromiss schließen. Alle, Frauen wie Männer, wissen, Frauenrechte und Demokratie sind eng verbunden. Sie sind nicht trennbar voneinander. Durch Frauenrechte kann man Demokratie schaffen im Iran. Deswegen finde ich es toll, dass Männer und Frauen sich jetzt darüber einig sind.

Farshid Ahey: Wenn ich da noch etwas ergänzen darf: Frauen waren von Anfang an im Kampf gegen dieses Regime, in jeder Beziehung. Es ist nicht so, dass das von heute auf morgen passiert ist. Sie waren immer im Kampf, zehnmal mehr als die Männer. Nach den islamischen Gesetzen ist die Frau ohnehin nur halb so viel wert wie ein Mann. Das ist mit Demokratie nicht vereinbar. Es gibt da keine Menschenrechte, es gibt Muslimrechte. Die Parole „Frau, Leben, Freiheit“ ist zum Motor dieser Bewegung geworden. Das bedeutet aber nicht, dass die Männer nicht dabei sind. Die meisten Opfer (der Gewalt der Sicherheitskräfte; Anm. d. Red.) sind Männer. Von den rund 400 Toten sind 300 Männer.

Es gab auch bereits mehrere Streiks, etwa in der so wichtigen Ölindustrie. Zu einem großen Generalstreik ist es bisher aber nicht gekommen. Warum?

Verteilung der Opferzahlen bei den Protesten im Iran, aufgeteilt nach Provinzen
Diese Grafik zeigt, in welchen Provinzen es die meisten Todesopfer beim Vorgehen der Sicherheitskräfte gegen Demonstranten gab. Besonders betroffen waren die kurdischen Provinzen im Südosten und Nordwesten des Landes sowie die Hauptstadt Teheran. Grafik: Oganesson007/Data from Iran Human Rights

Farshid Ahey: Wir haben leider nicht eine Organisation, die das alles koordiniert und den Takt vorgibt. Es hat 43 Jahre gedauert, bis wir stehen, wo wir jetzt sind. Das muss erst noch zusammenwachsen. Es gab Streikaktionen bei etlichen großen Firmen. Das Problem jedoch ist: Ein Arbeiter, der streikt, weiß nicht, wie lange das dauert. Die Familie muss ernährt werden, sie brauchen das Geld. Es müsste also ein kurzer, sehr heftiger Streik sein, damit sie ihr Leben wieder in den Griff bekommen können. Wir im Westen müssen überlegen, wie wir das unterstützen können. Eine Idee wäre, das Geld der korrupten politischen Führer einzufrieren, das auf westlichen Konten liegt, und damit die Streikenden im Iran zu unterstützen.

Parvin Nazemi: Dazu muss man wissen: Das Regime hat seit 43 Jahren Jahren jeden Kopf der Opposition geschlachtet. Deswegen ist es so schwer, jetzt Führungsfiguren zu finden. Und es stimmt: Niemand weiß, wie lange ein Streik dauern müsste, drei oder vier Monate, gar ein Jahr? Wie soll das gehen ohne Geld?

Revolutionsführer Ayatollah Ali Chamenei ist schon 83 Jahre alt. Er soll nicht bei bester Gesundheit sein. Seit längerem wird über seine Nachfolge spekuliert. Als einer der möglichen Kandidaten gilt sein zweiter Sohn, der 53jährige Modschtaba Chamenei, der schon jetzt Berater des Großayatollahs ist. Doch da scheint es in der Führung Kämpfe zu geben. Könnte das einen Sturz der Regierung begünstigen?

Ali Chamenei
Er setzt kompromisslos auf Härte: Großayatollah Ali Chamenei. Seit längerem wird über seine Gesundheit gemunkelt. Auch Nachfolgekämpfe sind bereits im Gange. Foto: Erfan Kouchari

Farshid Ahey: Hoffentlich, hoffentlich. Doch eine Revolution kann man nie vorhersagen. Niemand kann vorhersagen: Wenn diese und diese Elemente zusammenkommen, dann gibt es eine Revolution. Chamenei hat in 30 Jahren eine ungeheure Macht aufgebaut. Aber die anderen Ayatollahs sind gegen Modschtaba, der über Nacht zum Ayatollah geworden ist, ohne erst die vorigen Stufen zu gehen. Da wird es in jedem Fall einen Machtkampf geben. Jetzt ist die Frage: Was macht das Militär, was machen die Revolutionswächter? Die Oberen stehen zur Regierung, aber was machen die Ränge darunter? Wie reagieren die? Das ist alles ungewiss. Dazu kommt die Frage, ob sich die Proteste noch steigern, vielleicht sogar viel steigern. Derzeit schießen die Sicherheitskräfte buchstäblich mit Kanonen auf die Menschen.

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Stichwort Militär: Bei der arabischen Revolution hat sich in Ägypten am Ende das Militär von Präsident Husni Mubarak abgewendet und so seinen Sturz eingeleitet. Die Situation im Iran ist damit aber nicht recht zu vergleichen. Neben den regulären Streitkräften gibt es die Revolutionswächter. Diese kontrollieren – wie auch die Militärs in Ägypten – große Teile der Wirtschaft. Es ist aber kaum vorstellbar, dass sie bei einem Sturz der Mullahs weiter eine führende Rolle bekleiden könnten, weil sie direkt dem Regime verpflichtet sind. Sie haben deswegen kaum einen Ausweg außer äußerste Gewalt gegen die Protestierer.

Farshid Ahey: Das ist so, wie du das beschreibst. Aber Armee, Revolutionsgarden und auch die Basidsch (eine häufig bei den Protesten eingesetzte, besonders brutale paramilitärische Hilfspolizei; Anm. d. Red.) ergänzen sich auch. Es gibt etwa auch bei den Revolutionsgarden „normale“ Leute, die ihren zweijährigen Wehrdienst ableisten. Wir hoffen, dass dieser mittlere Bereich wegbricht. Das wird aber nur passieren, wenn es Richtung Ende geht.

Protest an der Amir Kabir University im September 2022
An zahlreichen Universitäten im ganzen Iran, wie hier an der Amir Kabir University im September 2022, demonstrierten Studenten gegen das Mullah-Regime. Foto: Darafsh

Maede Soltani: Die Revolutionsgarden stützen zwar die Regierung. Aber wenn die Proteste so groß sind, sind sie damit überfordert. Sie können nicht wochenlang immer mehr Leute erschießen. Sie brauchen auch finanzielle Mittel. Wenn aber der Druck von außen groß ist und sie kriegen (über die von ihnen kontrollieren Firmen; Anm. d. Red.) aus Deutschland und der EU kein Geld mehr, dann können sie auch nicht weitermachen. Es gibt auch Berichte, dass viele von den Revolutionsgarden müde sind. Noch unterdrücken sie die Menschen, sie erschießen sie. Aber die normalen Dienstränge verdienen wenig Geld, sie sind vielleicht auch nicht so wirklich überzeugt. Es könnte also sein, dass sie nach mehreren Monaten der Eskalation einfach keine Lust mehr haben. Wenn dann das Geld nicht mehr kommt, dann können sie nicht mehr arbeiten. Wenn man dann zudem sieht, wie der Iran Hilfskräfte aus Syrien, aus dem Irak und aus dem Libanon holt, um die Revolutionsgarden zu unterstützen, dann heißt das gleichzeitig, dass die nicht groß genug sind, wenn die Proteste noch stärker werden sollten.

Eine der Forderungen an das Ausland ist, dass die wirtschaftlichen Sanktionen gegenüber dem Iran weiter verstärkt und die Kooperationen mit Firmen blockiert werden sollen. Was erhofft ihr euch von dieser Forderung?

Farshid Ahey: Das ist ein wichtiger Punkt. Natürlich stehen Russland oder China als Partner immer im Hintergrund. Aber wie Maede gesagt hat: Wenn kein Geld mehr fließt, wenn dem Iran wirtschaftlich und technologisch nicht mehr geholfen wird, Online- und andere Dienstleistungen nicht mehr zur Verfügung stehen, würde dies das Regime hart treffen. Der Iran hat aus dem Irak schiitische Söldner der Gruppe Hasabol Shaabi angeworben und aus Afghanistan Söldner der Gruppe Fatemyiun, weil die ohne Emotionen auf Iraner schießen können. Ein iranischer Soldat schießt vielleicht einmal, zweimal, dreimal, aber dann denkt er irgendwann nach. Ich habe eine Aufnahme gesehen, da hat eine Mutter ihren Sohn mitten unter den anderen Soldaten herausgeholt und gesagt: „Du gehst jetzt nach Hause“. Aber es stimmt: Wirtschaftliche Sanktionen sind ein wichtiges Mittel.

Parvin Nazemi: Man muss wissen: Mit leeren Worten kann man mit diesem Regime nicht verhandeln. Man muss etwas tun. Die Führung in Teheran sieht diese Gefahr noch nicht. Die nehmen die Sanktionen bisher nicht ernst. Da sind nur ein paar Leute betroffen.

Die zögerliche Haltung bei den europäischen Staaten hängt vielleicht damit zusammen, dass diese versuchen, das Atomabkommen mit dem Iran noch irgendwie zu retten. Ist es noch zu retten?

Alle drei gleichzeitig: Nein, auf keinen Fall, das ist nicht zu retten.

Maede Soltani: Ich finde das auch unmoralisch. Zu versuchen, das Atomabkommen zu retten, ohne irgendwelche Bedingungen zu stellen, dass sie ihre Leute nicht foltern oder umbringen dürfen, kann ich nicht verstehen. Es müssen die Menschenrechte eingehalten werden. Erst unter diesen Rahmenbedingungen kann man über andere Dinge reden. Aber wie kann man mit einer Regierung verhandeln, die in der eigenen Bevölkerung keine Legitimität hat? Ich habe es kritisch gesehen, dass Bundeskanzler Olaf Scholz so lange gezögert hat. Aber nun endlich hat er ja gesagt: „Was sind Sie für eine Regierung, die auf die eigenen Bürger schießt?“ Das finde ich ganz wichtig. Wirtschaftliche Gespräche sollten unter solchen Bedingungen gar nicht geführt werden. Abgesehen davon hat der Iran seine Zusagen im Atomabkommen nicht eingehalten und die Anreicherung von Uran ausgebaut. Man hat hier gar keine Transparenz.

Anderes Thema: Im Iran sind nach Angaben von Amnesty International im Zusammenhang mit den Protesten mindestens 21 Personen von der Todesstrafe bedroht. Damit wird offenbar auf maximal Abschreckung gesetzt. Könnte das aufgehen?

Iraner-Protest vor der Nürnberger Lorenzkirche
Auch in Nürnberger demonstrierten Iraner, aber auch zahlreiche andere Menschen – wie hier vor der Lorenzkirche – nach dem Tode von Jina Mahsa Amini gegen das iranische Regime. Foto: Farshid Ahey

Farshid Ahey: Das kann zum Teil aufgehen. Dieses Regime hat immer auf Hinrichtungen gesetzt. Ich bin sicher, dass es weitere Hinrichtungen geben wird. Wie viele, das weiß man nicht. Im Parlament haben 227 Abgeordnete die Justiz des Landes aufgefordert, Todesurteile gegen Personen zu verhängen, die während der Proteste gegen die Regierung festgenommen werden. Es gibt da zwei, drei Richter, die haben praktisch nichts anderes getan als Hinrichtungen zu verkünden.

Parvin Nazemi: Wir dürfen auch nicht die systematischen Vergewaltigungen von Frauen vergessen. Es wird wirkliche jede Frau, die verhaftet wird, auch vergewaltigt. Das wird nicht einmal verheimlicht. Die wollen, dass die Leute das wissen, damit Mütter ihre Töchter nicht auf die Straße lassen. Schon seit der Islamischen Revolution 1979 hat es diese Vergewaltigungen immer gegeben. Bis heute.

Bei den Protesten im Ausland kann man sehen, dass es da sehr unterschiedliche Gruppen gibt. Da sind Linke, da sind Schah-Anhänger, es gibt gemäßigte Religiöse. Da ist alles dabei, aber es gibt wenig Übereinstimmung, keine große Kraft der Mitte.

Parvin Nazemi: Das sehe ich auch so. Wir müssen mehr Gemeinsamkeit erreichen, um die Bewegung voranzubringen. Mit wem sollen die Europäer derzeit reden?

Farshid Ahey: Ja, das ist die Situation. Der Rest der Welt hat keinen Ansprechpartner, den sie unterstützen könnte. Bei den Gruppen im Ausland sind selbst die Linken untereinander zerstritten, bei den Monarchisten ist es ähnlich. Viele der Volksmudschahedin (eine militante Oppositionsgruppe, die das Mullah-Regime mit Gewalt bekämpft hat; Anm. d. Red.) schämen sich, weil ihre Anführerin Kopftuch trägt, während im Iran das Kopftuch derzeit verbrannt wird. Es gibt wenig Gemeinsamkeit. Von den Köpfen im Ausland hat niemand genug Akzeptanz im Land. Aber in den Gefängnissen sitzen so viele Prominente, Wissenschaftler, Dichter, Schriftsteller, Menschenrechtler, Studenten, die eine Opposition bilden könnten, vielleicht sogar eine Regierung. Aber die sitzen in Gefangenschaft. Und sie müssten erst mal eine Einheit bilden.

Iraner-Proest am Kornmarkt in Nürnberg
Eine der zahlreichen Protestaktionen nach dem Tod von Jina Mahsa Amini in Nürnberg. Bei dieser Aktion am Nürnberger Kornmarkt konnte auch schlechtes Wetter die Teilnehmer:innen nicht abhalten. Foto: Farshid Ahey

Maede Soltani: Immerhin, im Oktober gab es im Ausland ein Treffen von drei großen Oppositionsgruppen, die einen Übergangsplan in Richtung Demokratie beschlossen haben, den sie alle mittragen. Dabei waren die Schah-Anhänger, die (sozialdemokratischen; Anm. d. Red.) Republikaner und die kurdischen Demokraten. Wie weit die gekommen sind, weiß ich nicht. Es stimmt, wie Farshid sagt, dass es in den Gefängnisse viele fähige Leute gibt, auch im Ausland. Aber man muss einen Plan haben.

Maede Soltani: Die Einschüchterung mit Hinrichtungen ist nicht neu. Alle wissen das. Aber bei den Protesten, jeden Tag um acht Uhr abends, ob an der Uni oder aus dem Fenster, wird inzwischen immer gerufen: „Für jeden, der hingerichtet wird, werden Tausende aufstehen“. In der Protestbewegung von heute gibt es immer Antworten auf diese Drohungen.

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Noch ein anderer Aspekt: Seit Tagen gehen iranische Einsatzkräfte brutal in den kurdischen Gebieten vor. Gleichzeitig hat die Türkei kurdische Einheiten in Syrien und im Nordirak angegriffen. Wird hier ein externer Konflikt inszeniert, um von dem inneren Tumult abzulenken?

Geografische Verteilung der Protest im Iran
Die Massenproteste der Grünen Bewegung von 2009 hatten sich vor allem auf die Hauptstadt Teheran und wenige andere Städte konzentriert. Nun aber, im Jahr 2022, fanden Demonstrationen quer durch das ganze Land statt. Grafik: parsa 2au

Farshid Ahey: Das ist korrekt. Das iranische Regime versucht, aus dieser Hölle herauszukommen, indem sie einen anderen Schauplatz findet. Revolutionsführer Ruhollah Chomenei hat einmal sinngemäß gesagt, Krieg sei willkommen, weil sie da die Probleme im Inland unterdrücken könnten. Jetzt wollen sie diese Methode erneut nutzen. Vor wenigen Wochen haben die Revolutionswächter Truppen an die Grenze zu Aserbaidschan geschickt. Zu dieser Zeit hatte sich der aserbaidschanische Präsident Ilham Aliyev mit seinem türkischen Amtskollegen Recep Tayyip Erdogan in Samarkand getroffen. Beide haben damals gegen die Aktion des Iran protestiert. Da haben sie die Truppen wieder zurückgezogen, weil sie gesehen haben, Krieg gegen Aserbaidschan zu führen und gleichzeitig gegen die Türkei, das geht nicht. Die Kurden sind in dieser Region das einzige Volk, das keinen Schutz hat. Auch jetzt brandmarkt die iranische Regierung sie wieder als Separatisten und bombardiert sie. Aber es ist nur ein Ablenkungsmanöver.

Maede, zum Schluss eine persönliche Frage: Dein Vater Abdolfattah Soltani, ein landesweit geachteter Bürgerrechtsanwalt, ist im November 2018 aus der Haft entlassen worden, nachdem er unter anderem wegen der Verleihung des Nürnberger Menschenrechtspreises im Jahr 2009 zu einer langjährigen Freiheitsstrafe verurteilt worden war. Wie geht es ihm und deiner Mutter?

Maede Soltani: Sie sind beide sehr besorgt. Das hört man bei jedem Telefonat heraus. Meine Mutter hat viele Kontakte zu Verletzten aus der Grünen Bewegung gehabt. Darunter waren junge Mädchen, die vergewaltigt worden waren, manche wurden gefoltert oder sind seit Jahren gelähmt. Einige wurden umgebracht, andere haben Suizid begangen. Das ganze Leid von damals, sie spürt das jetzt nochmal. Beide sind sehr besorgt, auch mein Vater.

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