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Wie umgehen mit China: “Europa hat sich ohne Not klein gemacht”

Von: Georg Escher

Lesezeit: 11 Minuten

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Es ist unübersehbar: Die Spannungen insbesondere zwischen den USA und China haben stark zugenommen. Selbst ein militärischer Konflikt ist nicht mehr auszuschließen. Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping hat Taiwan, das von Peking als Teil der Volksrepublik angesehen wird, mehrfach mit einem Militäreinsatz gedroht. US-Präsident Joe Biden wiederum versprach dem Inselstaat umgehend militärische Unterstützung. Was bedeutet das für uns, für Deutschland, für Europa? Wir sprechen darüber mit einem der besten Kenner Chinas, Bill Holler, der im Vorstand des OstWestWirtschaftsForums Bayern (OWWF) für China zuständig ist. Der 72-Jährige Neumarkter hat in der der chinesischen Provinz Shandong eine Zulieferfirma aufgebaut und ist dort hochdekoriert.

Herr Holler, das Verhältnis zwischen China und den USA hat sich zuletzt stark zugespitzt. Es gibt einerseits die Befürchtung, China könnte versuchen, sich die Insel Taiwan militärisch einzuverleiben. Und es gibt seit Jahren Spannungen wegen der chinesischen Ansprüche auf große, völkerrechtlich nicht verbriefte Teile des Südchinesischen Meeres. Einige Beobachter sehen schon Szenarien, wonach die USA im Fall China ähnlich vorgehen könnten, wie sie das jetzt mit Russland machen und Sanktionen verhängen. Nur wird das in diesem Fall nicht so einfach sein. Jetzt sind Sie als Geschäftsmann auf beiden Seiten aktiv, in China und hier. Wie sehen Sie das, was da jetzt passiert?

Hochdekoriert: Vor dem Empfang bei dem chinesischen Ministerpräsidenten Li Keqiang im Januar 2019 wurde Bill Holler der Qilu Award verliehen, die höchste Auszeichnung, die China an Ausländer vergibt.
Hochdekoriert: Vor dem Empfang bei dem chinesischen Ministerpräsidenten Li Keqiang im Januar 2019 wurde Bill Holler der Qilu Award verliehen, die höchste Auszeichnung, die China an Ausländer vergibt. Foto: Privat

Bill Holler: Ich habe zehn Jahre in China gearbeitet, von 2010 bis 2020. Ich habe dort in Jinan, der Hauptstadt der (ostchinesischen; Anm.d.Red.)  Provinz Shandong, die übrigens seit 13 Jahren Partnerprovinz von Bayern ist, ein Luftfahrtzulieferunternehmen aufgebaut. In diesem Unternehmen konnten wir ausschließlich europäische und deutsche Maschinen einsetzen und mit deutscher Technologie arbeiten. Das war erfolgreich und hat auch sehr viel Spaß gemacht. Ich habe in der Zeit in China viele Menschen kennengelernt, einige davon wirklich als Freunde, und habe Kultur, Land und auch ein bisschen die chinesische Mentalität angefangen kennenzulernen. Ich sage das ganz vorsichtig, weil das von außerhalb fast unmöglich ist. Aber ich glaube, ein bisschen davon habe ich verstanden. In dieser Zeit habe ich auch sehr viele Erlebnisse gehabt. Durch meine besondere Position in der Luftfahrtindustrie wurde ich auf Kongressen und Veranstaltungen und bei Regierungsempfängen herumgereicht.  Schließlich habe ich in China die höchsten Auszeichnungen bekommen, die ein Ausländer überhaupt bekommen kann. Vom Qilu Friendship Award bis hin zum Empfang durch den chinesischen Ministerpräsidenten Li Keqiang im Jahr 2019.

In Jinan, der Hauptstadt der Provinz Shandong, hat Bill Holler (2.v.re.) das Luftfahrtzulieferunternehmen CAG aufgebaut. Hier ist er mit Mitarbeitern in einer Fabrikhalle zu sehen.
In Jinan, der Hauptstadt der Provinz Shandong, hat Bill Holler (2.v.re.) das Luftfahrtzulieferunternehmen CAG aufgebaut. Hier ist er mit Mitarbeitern in einer Fabrikhalle zu sehen. Foto: Privat

Was haben Sie da gelernt?

Holler: Ich habe gesehen, wie China von innen sich anfühlt, wie China tickt, und dass China aus seiner Sicht nicht so stark auf andere Länder angewiesen ist, wie es beispielsweise Deutschland ist. Die Stärke eines Landes hängt ja insbesondere vom Binnenmarkt ab. Deutschlands Binnenmarkt besteht aus rund 84 Millionen Einwohnern, in Europa sind es ohne England rund 450 Millionen, in den USA 330 Millionen – in China dagegen sind es 1,4 Milliarden. Das spiegelt auch so ein bisschen das Selbstbewusstsein wider, das die Regierenden in diesem Land haben.

Über die Person: Bill Holler ist 72 Jahre alt, doch von Ruhestand will er noch längst nichts wissen. Sein Geburtsname ist eigentlich Wilhelm Friedrich. Doch weil er nicht nach einem alten Kaiser benannt werden wollte, hat er daraus „Bill“ gemacht. Er ist Gesellschafter zweier in Neumarkt ansässiger Firmen, der ALA Germany GmbH, einem Zulieferer für die Luft- und Raumfahrtindustrie, sowie der Blockchain-Plattform TraCert OÜ. Ehrenamtlich ist er Mirglied im Vorstand des OstWestWirtschaftsForums Bayern (OWWF) und dort für China zuständig. Als gläubiger Christ ist er zudem Vorsitzender der Gesellschaft zur Ausbreitung des Evangeliums e.V. (GAE). Holler hat drei Kinder, ist verheiratet und lebt in Neumarkt.

So richtig rund sind die Dinge zuletzt aber auch in China nicht gelaufen, wenn wir etwa an die massenhaften Proteste gegen die Null-Covid-Politik denken, die die Regierung letztlich aufgeben musste.

Holler: Es hat sich in der Tat meiner Ansicht nach doch einiges in der Weise verändert, dass ich jetzt nicht unbedingt als großer Fan der jetzigen Regierung bezeichnet werden möchte. Immerhin ist es keine Lappalie gewesen, mit dem jetzigen Staatspräsidenten Xi Jinping nun wieder jemanden zu haben, als erster seit Mao Zedong wieder auf Lebenszeit regieren kann. Er kann damit absolutistisch durchregieren, ohne irgendjemanden fragen zu müssen. Und damit verbunden ist natürlich auch eine gewisse Isolierung, die eine gewisse Umkehr ist von dem, was damals (der frühere KP-Chef und Reformer; Anm.d.Red.) Deng Xiaoping nach Mao angefangen hatte.

Sie haben, wie erwähnt, in China den Zulieferbetrieb CAG Shandong Avic Glory aufgebaut. Das musste ja wahrscheinlich ein Joint Venture sein.

Blick in die CAG-Fabrik in Jinan. Das Unternehmen ist Zulieferer unter anderem für Airbus. Bill Holler hat die Firma aufgebaut.
Blick in die CAG-Fabrik in Jinan. Das Unternehmen ist Zulieferer unter anderem für Airbus. Bill Holler hat die Firma aufgebaut. Foto: Privat

Holler: Nein, war es nicht. Ich habe selbst keine Anteile an diesem Unternehmen. Ich hätte das haben können, aber ich wollte das nicht, in einem Land eigene geschäftliche Aktivitäten zu haben, wo ich die Gesetzgebung nicht kenne. Das hätte sich nicht gelohnt. So habe ich lieber China dazu geholfen, dass nun von dort aus beispielsweise Airbus, aber auch andere Luftfahrthersteller beliefert werden können. Airbus hat ja selbst ein großes Unternehmen in China, ein sehr modernes Endmontageunternehmen und Auslieferungszentrum, in der Stadt Tianjin. Daneben wird aber auch der chinesische Hersteller Comac erfolgreich betrieben. Comac ist in China das, was Airbus bei uns vor 60, 70 Jahren war, als (der damalige bayerische Ministerpräsident; Anm.d. Red.) Franz Josef Strauß gesagt hatte: Wir brauchen ein eigenes Flugzeug in Europa und dürfen nicht immer auf die Amerikaner angewiesen sein. Das macht jetzt China heute auch.

China ist ja für den Zugang westlicher Firmen nicht so offen wie umgekehrt. Chinesische Investoren können bei uns ohne Probleme einkaufen. Mittlerweile ist die Haltung dazu bei uns ein wenig vorsichtiger geworden. Aber China ist im Vergleich dazu immer noch ziemlich abgeschottet. Sollte sich das ändern?

Holler: Also, es ist natürlich zunehmend schwieriger geworden für deutsche oder internationale Unternehmen, die sich im chinesischen Markt engagieren wollen. Auf der einen Seite kann ich es aus der chinesischen Sicht verstehen, dass sie es nicht so machen wie in anderen Ländern, wo die einheimischen Arbeitskräfte als billige Arbeiter genutzt werden und die Profite ins Ausland fließen.

… also genau das, was die Chinesen in Afrika machen.

Holler: Ja, in Afrika machen es die Chinesen ganz brutal, das stimmt. Aber das haben ja auch andere praktiziert. Wenn wir uns erinnern an die USA: Das war vor 40, 50 Jahren eine wirklich starke Industrienation, und dann hat der Geiz eingesetzt und man hat zunehmend Arbeitsplätze abgebaut und ins damals sehr billige China abgeschoben und gedacht, jetzt wird alles besser.  Ich war gerade erst vor einer Woche wieder in Texas, schon das zweite Mal USA in diesem Jahr. Ich habe dort Landstriche gesehen von der Größe Unterfrankens, das waren Armenhäuser, wirklich Armenhäuser. In der Zwischenzeit sind in China Städte entstanden, wo man die Prosperität durchaus sieht und wo großer Wohlstand entstanden ist. Das hat mir gezeigt: da hat sich einiges verschoben. Die Amerikaner haben sich durch ihre Outsourcing-Politik selbst viel mehr Schaden zugefügt als notwendig.

Wie blicken Sie auf das, was in der Uiguren-Provinz Xinjiang passiert, wo Abertausende von Muslimen in Umerziehungslager gesteckt wurden?

Viehmarkt in Kashgar in der ostchinesischen Provinz Jinjiang. Die Uiguren, ein muslimisches Turkvolk, stehen schwer unter Druck der Regierung in Peking.
Viehmarkt in Kashgar in der ostchinesischen Provinz Jinjiang. Die Uiguren, ein muslimisches Turkvolk, stehen schwer unter Druck der Regierung in Peking. Foto: Chiral Jon – https://www.flickr.com/photos/69057297@N04/43621967952/

Holler: Es ist natürlich schrecklich, keine Frage. Aber manchmal ist es so, dass in der Geschichte Fehler, die mal gemacht wurden, teilweise auch vor langer Zeit gemacht wurden und nicht korrigiert wurden, dass diese Fehler sich dann irgendwann rächen. Das ist jetzt in China bei den Uiguren der Fall. Eigentlich gehört die Provinz Xinjiang überhaupt nicht zu China. Das ist ein Turkvolk. Und dieser Fehler rächt sich jetzt, weil das plötzlich nicht mehr ins System passt und natürlich Sachen passieren, vor denen auch chinesische Regierung Angst hat, vielleicht sogar verständlicherweise, ähnlich wie die Situation der Kurden in der Türkei ist. Es gibt vieles, was man von beiden Seiten verstehen kann. Trotzdem, das ist eine Situation, da hat sich die Regierung in China ganz viel Schuld auf die Schultern geladen und Fehler gemacht, die wir durchaus mit Verbrechen im Dritten Reich vergleichen können.

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Was machen wir jetzt mit dieser Situation? Der Volkswagenkonzern beispielsweise steht seit einiger Zeit im Feuer, weil VW in Xinjiang ein Werk hat. Sich politisch klar zu positionieren, versucht der Konzern zu vermeiden, weil auch das Probleme macht. Was also tun?

Holler: Ich habe vor wenigen Jahren mit einem Vorstandsmitglied von Volkswagen gesprochen, das war vielleicht fünf Jahre nach der Finanzkrise von 2008. Der hat mir gesagt: Wenn wir damals nicht – und zwar unter seiner Leitung – die VW-Firmen in China aufgebaut hätten, dann hätten wir die Finanzkrise nicht überstanden, trotz der Subventionen, die es damals gab. Das war tatsächlich für VW überlebenswichtig. Und wenn man heute durch chinesische Städte und Dörfer fährt, ich würde sagen, jedes vierte Auto ist ein VW, aber eben alles in China gebaute VW-Fahrzeuge.

Sie haben die Frage, was wir denn tun sollen, jetzt nicht wirklich beantwortet.

Holler: (macht eine kleine Denkpause) Ich wäre wahrscheinlich ein schlechter Außenpolitiker. Die Diplomatie liegt mir nicht. Klartext ist mir lieber. Trotzdem ist die Frage, wie weit wollen wir anderen Ländern sagen, was richtig und was falsch ist? Natürlich würde ich sagen, im Zusammenhang mit den Uiguren ist es schon wichtig, dass man China sagt, wir können dieses auf keinen Fall gutheißen, und das erfordert unseren Protest. Auf der anderen Seite: Wir haben ja das andere Beispiel erlebt: Gerade vor wenigen Tagen war der israelische Premier Benjamin Netanjahu in Berlin. Was sagt man ihm, wie die in Israel Politik machen sollen? Ich glaube, da muss jeder auch vor seiner eigenen Türe kehren. Aber, wie gesagt, ein deutlicher Hinweis, Leute, das können wir nicht gutheißen, ist in Richtung China schon angebracht. Das heißt aber nicht, dass man deswegen diplomatische Kanäle abbrechen sollte.

Es wäre natürlich leichter, den Finger zu heben, wenn andere Staaten wie die USA nicht selber vor ein paar Jahren den Irak überfallen hätten.

Holler: Absolut.

Jetzt sind wir jedenfalls in der Phase, in der die Spannungen zwischen dem Westen und China zunehmen. Sie sind Geschäftsmann und kein Politiker, schon gar kein Diplomat, aber sehen Sie Möglichkeiten, irgendwie den Dialog zu stärken und nicht die Konfrontation eskalieren zu lassen?

Holler: Ich würde dringend empfehlen, dass sich zum Beispiel die Industrie von den Politikern nicht vor den politischen Karren spannen lassen sollte, dass die Industrie ihr Geschäft macht, ihr Handwerk, mit den Möglichkeiten, den Chancen, aber auch den Risiken, die nun mal der riesige Markt China sowohl als Absatz- als auch als Beschaffungsmarkt bietet. Und wenn man Geschäfte miteinander macht, dann schießt man nicht aufeinander. Natürlich ist absehbar gewesen, wenn man die Entwicklung der letzten Jahre, ja fast schon Jahrzehnte anschaut, dass China zunehmend das Südchinesische Meer besiedelt, dass da irgendwelche Riffs aufgeschüttet werden, die inzwischen dort stationäre „Flugzeugträger“ geworden sind. Das sind nicht nur irgendwelche Landebahnen. Und damit hat logischerweise China seinen Einfluss in diese Region im ausgedehnt, und der Abstand nach Taiwan wird immer kleiner. Also hier ist eine Entwicklung, die für die Anrainer von China eine schwierige Situation ist. Andererseits deutet alles darauf hin, dass China über kurz oder lang in Taiwan einmarschieren wird.

Streitobjekt Südchinesisches Meer: China hat Ansprüche auf rund 80 Prozent dieses Meeres angemeldet und diese mit der sogenannten Neu-Striche-Linie markiert (rote Linie). Völkerrechtlich ist dies nicht anerkannt.
Streitobjekt Südchinesisches Meer: China hat Ansprüche auf rund 80 Prozent dieses Meeres angemeldet und diese mit der sogenannten Neu-Striche-Linie markiert (rote Linie). Völkerrechtlich ist dies nicht anerkannt. Grafik: Voice of America

Und die Amerikaner lassen das zu? Präsident Joe Biden hat ja schon angekündigt, Washington werde Taiwan notfalls militärisch verteidigen.

Holler: Die Amerikaner haben natürlich kein Interesse daran, dass das passiert, denn im Gegenzug würden sie ihren „Flugzeugträger“ Taiwan dort verlieren. Nachdem in China vor vielen Jahren der Lange Marsch (Heldenmythos der Kommunistischen Partei Chinas bis 1934 – 1935; Anm.d. Red.) zu Ende war, haben sich die unterlegenen Kräfte der Kuomintang nach Taiwan zurückgezogen. Aber beides sind nach wie vor Chinesen. Sie sprechen mit Mandarin auch die gleiche Sprache.

Aber Taiwan war nie Teil der Volksrepublik und sie sehen sich als unabhängig.

Holler: Unabhängig würde ich ja noch gut verstehen. Dass die Amerikaner sie aber quasi als ihre Einflusssphäre betrachten, da habe ich nicht so ganz viel Verständnis dafür.

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Wenn dieser Konflikt eskalieren sollte, was hieße das für uns? Was hieße das auch für Ihre Firma?

Holler: Also wir beziehen von diesem Unternehmen, was wir in Jinan aufgebaut haben, Waren, die wir zum Beispiel an Airbus und andere verkaufen. Aber was würde sowas für ganz Europa bedeuten? Natürlich wäre es ein massiver Einschnitt und eine dramatische Rezession, denn im Zuge eines solchen Konfliktes würden Lieferketten in beide Richtungen gekappt. Da würde erst mal deutlich werden, wie dramatisch die Abhängigkeiten auf beiden Seiten sind. Ich hoffe wirklich, dass eine solche Situation nie stattfindet, weil die Auswirkungen viel größer sind, als Menschen sich das heute vorstellen können.

Würden Sie einen politischen Rat geben in der Situation? Die Amerikaner sind gerade auf einem Kurs, der die Spannungen eher verschärft. Die Europäer halten sich wie immer heraus, ziehen den Kopf an, definieren keine strategischen Interessen und fahren lieber auf Sicht, auch wenn das nicht immer gut funktioniert hat, wie man am Beispiel Russland sehen kann.

Holler: Ich sage das mal aus der Sicht jetzt eines Chinesen, vielleicht auch eines chinesischen Politikers. Wir Europäer haben uns ohne Not so klein gemacht, wir haben ohne Not unser außenpolitisches Profil nicht entwickelt, wir haben überhaupt keines. Wir spielen auch gar keine Rolle in diesem großen Machtgefüge zwischen Ost und West. Wir Europäer könnten, ohne dass es deswegen Konfrontationen mit China oder den USA gäbe, mehr Profil entwickeln, mehr Eigenständigkeit zeigen, auch mehr im Bereich Verteidigung machen. Leider haben wir aber einen (türkischen Präsidenten Recep Tayyip; Anm.d.Red.) Erdogan in der Türkei mit in der Nato, der manches blockiert. Wir haben natürlich auch einen (ungarischen Regierungschef; Anm.d.Red.) Viktor Orban, der das Gleiche auf seine Weise tut. Sonst wäre es leichter, aber Europa muss auf jeden Fall mehr Profil haben, außenpolitisch, wirtschaftspolitisch. Das würde auch mehr anerkannt und unsere Meinung würde mehr zählen, wenn plötzlich andere Konflikte als jetzt der in der Ukraine kommen sollten.

Wie schätzen Sie es ein: Wie wird sich die Situation in fünf oder zehn Jahren verändern? China hat das ja für sich definiert. Sie wollen 2035 ihr Militär auf Weltniveau, also auf amerikanisches Niveau entwickelt haben. Das heißt ja wohl, sie wären bereit für eine Auseinandersetzung im Jahr 2035.

Holler: Die chinesische Politik zielt ganz klar auf solche langen Zeiträume und hat Ziele definiert. Allerdings werden die Chinesen auch von der eigenen Wirklichkeit eingeholt, wie sich zeigt, wenn jetzt ungefähr 60 Prozent der Auslandskredite vom Ausfall bedroht sind. Mit dem Projekt Neue Seidenstraße, was durchaus ein interessantes Projekt ist, hat man ganz viel in die Zukunft hinein investiert, was möglicherweise so nicht zurückkommt, sondern als großes Finanzierungsloch bleibt, was dann auf den Binnenmarkt in China durchschlägt. Dann sind die ursprünglichen Ziele schnell Makulatur.

Gefragter Gesprächspartner: Bill Holler bei einem Vortrag Ende 2017 in Jinan über die deutsch-chinesischen Beziehungen.
Gefragter Gesprächspartner: Bill Holler bei einem Vortrag Ende 2017 in Jinan über die deutsch-chinesischen Beziehungen. Foto: Privat

Diese Kreditausfälle, die Sie ansprechen: China hat relativ freigiebig Kredite an Staaten vergeben zu Konditionen, von denen sie schon bei der Unterschrift wissen konnten und vermutlich gewusst haben, dass diese Kredite nie vollständig bedient werden können. Es gibt ja Beispiele. Dann sagt man, na gut, ihr könnt nicht zurückzahlen, aber ihr habt diese und jene Rohstoffe, und das kriegen wir jetzt für die nächsten 99 Jahre. Das scheint ja Teil der Kalkulation gewesen zu sein.

Holler: Also, zum einen wurden viele dieser Verträge mit Politikern gemacht, die zuerst mal ein ganz persönliches Interesse hatten, dass diese Verträge gemacht werden. Die verfügen jetzt über Villen in Marbella oder sonst wo auf der Welt, die sie sonst nicht gehabt hätten. Dass da die Korruption an allererster Stelle stand und dass es jede Menge Regierende in diesen Ländern gab, die das gerne ausgenutzt haben, ich glaube, das weiß inzwischen fast jeder. Man kann das, was China da gemacht hat seinem Belt & Road Projekt (wie die Neue Seidenstraße auch genannt wird; Anm.d.Red.), auch als intelligente Form des modernen Sklavenhandels betrachten, insbesondere das, was sie in Afrika gemacht haben. Sie wussten wohl schon, dass diese Länder die Kredite nicht zurückzahlen können. Billige Rohstoffe und Arbeitskräfte ist da der Trade-in. Für die, die da mitgemacht haben, hat sich das in jedem Fall sicher auf die ein oder andere Weise gelohnt.

Glauben Sie, dass sich der Konflikt mit China eher entschärft oder noch weiter verschärft?

Holler: Derzeit entwickelt sich die finanzielle Situation Chinas dramatisch negativ. Die Währungsstabilität geht komplett verloren. Das ist jetzt schon klar. Wesentliche Grundlagen werden sich ändern, und wenn China nicht mehr aus der Position der Stärke heraus agieren kann, sondern in einer Position der Schwäche wäre, könnte es sogar sein, dass es noch gefährlicher wird. Wir sehen das ja in Russland.

Wenn man das nicht erleben möchte, sollte man da jetzt nicht umso mehr damit beginnen, wieder über Abrüstung zu reden? Die Atomwaffenverträge mit Russland sind bis auf eine Ausnahme, den New START-Vertrag, der die Anzahl strategischer Atomwaffen begrenzt, alle ausgelaufen oder gekündigt worden. Sollte man solche Gespräche jetzt nicht vielleicht auch mit China führen, weil neue Atomwaffenverträge nur mit Russland ja gar keinen Sinn mehr ergäben?

Holler: Ja, aber die Frage ist, wer sollte solche Gespräche führen? Und ob solche Gespräche überhaupt noch Sinn machen angesichts der massiven Aufrüstung, die in Nordkorea stattfindet, wage ich zu bezweifeln.

Das ist kein Ausblick, der irgendwie zuversichtlich wäre.

Holler: Stimmt, aber ich bin auch nicht pessimistisch.  Auch da geht irgendwann wieder die Sonne auf. Aber einen Ausblick über zehn Jahre kann man sich natürlich auch schönreden. Dafür bin jedoch ein bisschen zu erfahren, um das zu tun. Wir haben ja auch gedacht, oder Merkel hat gedacht, mit Russland sei das ganz toll. Wir kriegen billiges Gas und alles wäre toll, und (der russische Präsident Wladimir; Anm.d.Red.) Putin kann so gut Deutsch. Dass er jetzt plötzlich zu einem Stalin Nummer 2 geworden ist, das hätte sie vielleicht wissen müssen, aber sie hat sich trotzdem darauf eingelassen.

Vorsichtige Annäherung: Bei seinem Antrittsbesuch in China im November 2022 wurde Bundeskanzler Olaf Scholz durch Staatspräsident Xi Jinping empfangen.
Vorsichtige Annäherung: Bei seinem Antrittsbesuch in China im November 2022 wurde Bundeskanzler Olaf Scholz durch Staatspräsident Xi Jinping empfangen. Foto: Bundesregierung/Imo

Müssen wir deswegen in Europa nicht umso mehr endlich damit anfangen, unsere strategischen Interessen zu definieren, wirtschaftlich und politisch?

Holler: Vielleicht haben wir gar keine strategischen Interessen in Europa. Vielleicht ist das der Grund. Möglicherweise ist Europa nur ein Zweckbündnis. Ich erinnere gerne wieder an Franz Josef Strauß oder Konrad Adenauer. Das waren Menschen, die Europa geprägt haben, aus einer Philosophie heraus, die Europa Frieden gebracht hat. Aber was die EU angeht, da fehlt noch was dahinter. Ein europäisches Selbstverständnis, eine europäische Verfassung, ein europäisches Verständnis, was die Vorzüge und die Orientierung unserer Länder am besten beschreibt. Also so etwas, was Beethoven in Musik gefasst hat, dass wir uns klar von anderen abheben können, ohne deswegen deren Feinde zu sein, sondern deren Partner, die dann auch ernst genommen werden. Das sage ich aber übrigens genauso in Richtung USA. Auch die USA haben letztlich kein Interesse daran, wenn Europa sich selbst zu klein macht. Die Amerikaner müssen hier ziemlich viel Geld reinstecken für unsere Verteidigung. Das sind alles massive Fehler, die man nicht hätte machen müssen oder dürfen.

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