Wie Corona den Nürnberger Buchhandel veränderte

Von: Bjoern Bischoff

Lesezeit: 5 Minuten  |  Allgemein, Corona, Kultur  |  0 Kommentar(e)

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Es gibt Wege für den Handel neben Konzernen und Online-Giganten. Man muss sie nur konsequent verfolgen. Als der erste Lockdown kam, dachten viele Menschen: Endlich wieder Zeit für ein gutes Buch. Doch wie sieht die Lage auf dem Buchmarkt in Nürnberg aus? Welche Perspektiven und Strategien werden auch noch nach Corona bleiben?

Die Zahl der Buchhandlungen nimmt in Nürnberg stetig ab – seit Jahren. Gab es 2005 noch 49 Buchhandlungen, waren es 2019 nur noch 37. (Stand: Juli 2021; Quelle: Börsenverein des Deutschen Buchhandels) Illustration: Lea Schumm

Die Menschen nutzten während der Lockdown-Monate mehr Medien. So vermeldete es der Börsenverein des Deutschen Buchhandels – jedoch eben nicht nur Bücher. Der Verein veröffentlichte seine Zahlen zum Buchmarkt 2020 und dem ersten Halbjahr 2021 auf einer Pressekonferenz. Die Wochenzeitung Zeit fasst es so zusammen: „Immer weniger Menschen kaufen immer mehr gedruckte Bücher.“ Die Umsätze stabil, die lokalen Buchhandlungen als Sorgenkinder. Das gilt schon seit Jahren. Und nach den Lockdown-Monaten umso mehr. Trotz Sonderregelungen für die Buchhandlungen. Doch welche Perspektiven taten sich in Nürnberg trotz Lockdown auf? Was hat sich bewährt?

An einem Julivormittag laufen für das heitere bis wolkige Wetter zwar erstaunlich wenige Menschen über den Hefnersplatz, doch ein paar Kunden finden sich trotzdem in der Buchhandlung Jakob als nicht unwichtige Nebenfiguren dieser Geschichte. Sie tummeln sich im Erdgeschoss, dort, wo Belletristik und Kinderbücher ausliegen. Doch sind die Nürnberger lesebegeistert? „Wir haben viele Stammkunden. Man sieht schon irgendwie die gleichen Gesichter“, sagt Lisa Neher. „Das sind dann wohl die Lesebegeisterten.“ Die 27-jährige Nürnbergerin arbeitet seit 2015 bei der Buchhandlung Jakob. „Es lässt sich an unserem Ladengeschäft aber nicht ablesen.“ Durch die Lage gebe es eben viel Laufkundschaft. Leute, die einfach zum Bummeln reinschauen. „Wo es sich eher beobachten lässt, sind die Lesungen“, sagt Lisa Neher. Und diese Veranstaltungen sind aus ihrer Sicht in Nürnberg nicht gerade gut besucht. Nürnberg werde in Zukunft noch ein bisschen entdecken müssen, was Literatur eigentlich alles sein kann, so Lisa Neher.

“Haben unsere NIsche gefunden.” Lisa Neher von der Buchhandlung Jakob. Foto: Simon Malik

Acht Gehminuten entfernt zeigt sich seit Jahren, was Literatur auch sein kann: Dort befindet sich mit dem Ultra Comix in der Vorderen Sterngasse laut eigener Aussage eines der größten Fachgeschäfte für Comics in Europa. Auf drei Etagen können Leser:innen hier zwischen Manga, klassischen Comicheften und Graphic Novels stöbern. Besonders im Erdgeschoss drängen sich oft die Kund:innen – vor den Regalen mit den Manga. „Unsere Kundschaft ist bunt gemischt“, sagt Stefan Trautner. Der heute 57-Jährige gründete 1990 zusammen mit seinem Bruder Ulrich das Geschäft. „Wir haben Kunden, die seit Anfang an bei uns einkaufen.“

Die Sache mit der Buchpreisbindung
Bücher unterliegen in Deutschland der Buchpreisbindung. Zunächst galt sie ab 1888 für Mitglieder des Börsenvereins der Deutschen Buchhändler. Durch den großen Einfluss des Vereins betraf dies jedoch so gut wie die komplette Buchbranche. Seit 2002 gilt in Deutschland das Buchpreisbindungsgesetz. Es soll das “Kulturgut Buch” schützen, weswegen es alle Verlage und Importeure verpflichtet, einen festen Buchpreis festzulegen. Das hat zur Folge, dass kleinere Buchhandlungen ihre Ware zu dem gleichen Preis wie große Handelsketten anbieten können. Die Buchpreisbindung gilt für mindestens eineinhalb Jahre ab Erscheinen des Werkes. Unter die Buchpreisbindung fallen auch e-books und ein Teil der Comic-Veröffentlichungen.

Stefan Trautner vom Ultra Comix: “Das Wichtigste ist, dass niemand krank wurde und noch alle angestellt sind.” Foto: Simon Malik

Durch die Ladenschließungen habe es deutliche Umsatzeinbrüche gegeben, so Stefan Trautner. Die Zahlen unmittelbar nach dem ersten Lockdown waren hingegen nur ein wenig schwächer im Vergleich zum Vorjahr. Staatliche Hilfen und Kurzarbeit brauchte es trotzdem, um die Zeit zu überstehen. Dabei hätte die Feier zum 30-jährigen Bestehen des Ultra Comix letztes Jahr angestanden. Doch die ist auf unbestimmte Zeit erst einmal weiterhin verschoben (Stand: Juli 2021), weil sich nichts planen lässt. „Ich glaube, der Spaß ist noch nicht vorbei“, sagt Stefan Trautner.

Auch bei der Buchhandlung Jakob gingen die Mitarbeiter:innen in Kurzarbeit. „Aber das Buch ist natürlich ein dankbares Produkt, weil die Leute während des Lockdowns mehr Zeit zum Lesen hatten“, sagt Buchhändlerin Lisa Neher. Vor allem im ersten Lockdown wurde dies deutlich, viele Menschen hätten da Vorsätze fürs Lesen gefasst. Das ging jedoch zurück, sobald der Lockdown Alltag wurde, so Lisa Neher. Mit Engagement, einem Lieferdienst per Fahrradkurier, mehr Online-Marketing und Unterstützung sei das achtköpfige Team der Buchhandlung aber gut durch die Zeit gekommen.

Beim Ultra Comix gab es auch Veränderungen, die weiterhalfen: „Was uns weitergebracht hat: Wir haben jetzt einen kleinen Webshop als Schatzkammer“, sagt Stefan Trautner. Man habe endlich die Lager gesichtet und wertvolle Sachen gefunden, von denen man gar nicht wusste, dass sie noch da sind. Zudem habe der Zusammenhalt bei dem Team aus 13 Mitarbeiter:innen zugenommen. „Das Wichtigste ist, dass niemand krank wurde und noch alle angestellt sind.“

Das Team der Buchhandlung Jakob blickt nicht nur nach den anstrengenden Monaten auf positive Erfahrungen. Denn auch wenn mit der Filiale der Buchhandlungskette Hugendubel eine Konkurrenz in unmittelbarer Nähe vor Jahren schon schließen musste, gibt es da ja noch das große Buchhaus von Thalia und die Online-Konkurrenz von Amazon. Doch: „Wir haben halt unsere Nische gefunden“, sagt Lisa Neher. Besonders die Beratung und der Service mache die Buchhandlung Jakob aus, meint die Buchhändlerin. Was immer wieder Argumente für den Fachhandel sind. Bei der Buchhandlung Jakob ist es jedoch Konzept durch und durch. Das fängt bei dem Team und dessen Kompetenz bei Literatur an und geht damit weiter, dass Kund:innen das obligatorische Regal mit der Spiegel-Bestsellerliste vergeblich suchen. Weil das Persönliche zählt.

Und die Konkurrenz durch Amazon? Der Online-Gigant konnte einen Gewinn im ersten Quartal 2021 von 8,1 Milliarden Dollar verzeichnen und hat damit seinen Gewinn mehr als verdreifacht, wie der Spiegel berichtete. „Amazon ist ja mittlerweile nicht nur ein Problem des Buchmarktes, sondern einfach ein reguläres Problem vom Einzelhandel“, so Lisa Neher. „Man muss sein Ding durchziehen. Das ist dann schon die größte Rebellion, die man machen kann.“

Die meisten Buchhandlungen in der Bundesrepublik finden sich laut dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels. in Berlin – mit 231 Stück. München folgt auf dem zweiten Platz mit im Vergleich gerade einmal 121 Buchhandlungen. Den elften Platz teilen sich Nürnberg und Dresden. Illustration: Lea Schumm

Doch es stellt sich in Zeiten von zahllosen Streaming-Anbietern, einer Vielzahl von Podcasts, Serien und Filmen die Frage: Wozu überhaupt lesen? Hat Literatur noch eine Relevanz? Tatsächlich sind die positiven gesundheitlichen Effekte des Lesens belegt. Die Yale University fand heraus, dass Lesen nicht nur Stress verringert, sondern so die Lebenserwartung von Leser:innen steigert. (Auch wenn die Zeit darüber berichtete: Die Bibliotherapeut:innen bleiben eine Ausnahmeerscheinung.)

Doch heute gelten Comics allgemein für viele Pädagogen als Einstieg zum Lesen, so Stefan Trautner. Die Stadt Nürnberg hat dies erkannt. Die Stadtbibliothek habe zum Beispiel eine sehr große Manga-Abteilung, weil sie so Kinder und Jugendliche zum Lesen brächten, sagt Stefan Trautner vom Ultra Comix. Die Rolle von Comics sei bei der Leseförderung nicht zu unterschätzen.

Und nach der Pandemie wird sich viel in Nürnberg in Sachen Literatur bewegen. Das Literaturhaus will mit seinem neuen Team eine Anlaufstelle für Literaturbegeisterte werden. Ein „Runder Tisch Literatur“ findet bereits regelmäßig statt und mit den Texttagen Nürnberg gibt es neben dem Poetenfest Erlangen auch in Nürnberg eine Veranstaltung rund um Literatur, die sich im nationalen Vergleich sehen lassen kann. Was sowohl die geladenen Autor:innen als die Workshops angeht. Wenige Monate bevor sie 2019 den Nobelpreis für Literatur erhielt, war etwa die polnische Autorin Olga Nawoja Tokarczuk bei den Texttagen Nürnberg zu Gast.

Wem Bücher gefallen und wer der Literatur etwas Gutes tun mag, kann dies ganz einfach tun: „Bücher zu Geburtstagen verschenken. Und am besten Bücher, die man selbst schon gelesen hat“, sagt Lisa Neher. „Bücher können ja so viel mit Leser:innen machen, dass sie es am besten mit allen teilen wollen. Damit die anderen auch dieses Gefühl bekommen, dieses Glücklichsein.“

Artikel vom: 29. Juli 2021

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